Menschen

 

Menschenzeit und Zeitgefühl

„Wenn wir unser Erleben des unerbittlichen Vergehens der Zeit angemessen ausdrücken wollen, sollten wir uns vielleicht weiter Musik, Tanz und Drama zuwenden, statt der Wissenschaft,...“, schreibt Fay Dowker[1]. „Die Zeit ist unendlich lang und ein jeder Tag ein Gefäß, in das sich sehr viel eingießen läßt, wenn man es wirklich ausfüllen will.“[2]

Zitate zur Zeit gibt es Hunderte. Jeder Philosoph oder Naturwissenschaftler hat sich der Aufgabe gestellt, der Zeit einen Platz in seinem Bild der Welt zuzuweisen, denn ohne eine Festlegung ihrer Bedeutung kann darauf basierend kein Modell der Welt gebaut werden. Isaac Newton hatte sich in seinem Bild der Welt am weitesten von der Natur losgelöst und für ihn hatte der Zeitverlauf überhaupt nichts mehr mit den Ereignissen in der Welt zu tun: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.“[3]

Wir werden in unserer schamanischen Betrachtung dem Zeitgefühl die größere Bedeutung für unser Bild der Welt zuweisen. Die Zeit ist ohne die Ereignisse nicht messbar, sie entsteht vielmehr erst mit den Ereignissen. Demnach ist die Vorstellung einer ‚Leeren Zeit’, in der nichts geschieht, sinnlos. Wir erinnern uns an Ereignisse, aber nicht an Zeitpunkte, Kalendereinträge oder die Füllhöhe einer Sanduhr. Die Ereignisse wiederum hängen von unserer Wahrnehmung ab. Wir geben der Pistolenkugel keine Zeit auf ihrem Flug, weil wir sie nicht wahrnehmen. Anders als die Raubvögel, die mit einer Frequenz von mehr als 150 Bildern pro Sekunde die Kugel fliegen sehen.

Die Vögel brauchen die Zeit nicht zu definieren oder zu messen. Jedes Wesen außer den Menschen in der technischen Zivilisation kommt mit einer ungemessenen und nicht quantifizierten Zeit zurecht und lebt sein Leben nach der Reihenfolge von Ereignissen. Aus Sicht der Naturvölker, Raubvögel, Hunde und Schnecken sehen wir ein Problem, das gar keines ist und stellen uns Fragen, die keine sind und setzen uns unter einen Zeitstress aus unnützen Erwartungen.

Die Zeit hängt also von den Ereignissen ab und die wiederum von ihrer Wahrnehmung. Den einzelnen Flügelschlag eines Kolibris sehen wir nicht, weil er davon mehr als 50 in der Sekunde macht und das Wachstum unserer Haare sehen wir auch nicht, weil die Haarspitze weniger als 2 cm im Monat zurücklegt.

Gehen wir aber aufmerksam durch die Welt, dann füllt sie sich mit Ereignissen und lässt keine Langeweile aufkommen. Warten wir gebannt auf ein Ereignis und blenden den Fortgang des Lebens aus, dann scheint die Zeit still zu stehen.

 

Wir haben es also selbst in der Hand, mit unserer Achtsamkeit die Zeit entstehen zu lassen. Mit dem Geruch der Blüten und dem Blick auf einen Anderen, mit der Liebe zum Augenblick, mit dem Gefühl für den Wind und dem Klang der Musik, entsteht die Gegenwart der Ereignisse.

Die Gegenwart ist der wertvolle Teil unseres Zeitgefühls. In der Gegenwart lässt sich etwas gestalten, das Wirkungen für die Zukunft hat. In der Gegenwart lässt sich etwas abschneiden, das aus der Vergangenheit lediglich als eine Erinnerung in das Leben hineinreicht.

 

Die Zeit die wir messen wollen, müssen wir selbst entstehen lassen.

 

Zeit ist ein Begriff, der auf den geschachtelten Ebenen unterschiedliche Bedeutungen erfährt. Und doch wird das gleiche Wort verwendet: Zeit. Die geschachtelten Ebenen sind das Leben, die Wirklichkeit und die Welt.[4]

Zeit im Leben

Die Zeit im Leben ist eine Abfolge von Ereignissen, die aus Nichts Etwas entstehen lassen und aus den zurückgelassenen Strukturen die neuen Randbedingungen für etwas Neues bereithalten

Das Leben ist das umfassende Prinzip für die Flora und die Fauna der Erde. Alle Kreaturen sind darin im weitesten Sinne einbezogen. Sie tragen zu Lebzeiten zu den Ereignissen auf der Erde bei, aber ihre Überreste sind als der Humus für das neue Leben ebenso am Erhalt des Lebens beteiligt.[5] Die vergangenen Erlebnisse und Begegnungen formen das Umfeld, bestimmen die Randbedingungen für Leben. Das Leben ist allumfassend und individuell. Jeder ist davon berührt und auch wer es nicht ausdrückt oder beschreibt, der fühlt es jedenfalls.

Die Wirklichkeit ist ein breit angelegter Begriff, der im Schamanismus, in der Natur oder bei den Menschen verwendet wird. Er wird in diesen Bereichen immer weiter eingegrenzt. Der Schamane hat eine Wirklichkeit, die sich bis zu den spirituellen Wurzeln aufspannt. Der Mensch beschreibt seine Wirklichkeit als Ergebnis der Sinneswahrnehmungen. Die Wahrnehmung ist an der Bildung einer Wirklichkeit beteiligt.

Der Mensch bewertet die Wahrnehmungen vor dem Hintergrund der individuellen Erfahrungen, der Prägung durch Erziehung und Umfeld, der Gefühle und Reflexe. Er weist den Wirklichkeiten einen Platz in seiner Welt zu. Die gleichen Wahrnehmungen führen beim Menschen, in der Natur oder bei einem Schamanen zu unterschiedlichen Wirklichkeiten.

Zeit in der Wirklichkeit

Die Zeit in der Wirklichkeit ist eine Verabredung zu individuellen Wahrnehmungen.

 

You See What You are Looking for.

 

Die Wirklichkeit wird individuell und mental erfahren, aber kollektiv verabredet.

Die Welt beherbergt Menschen, die mit ihrem Verstand eine intelligible Ordnung finden. Diese Ordnung ist eine Setzung, die Wirklichkeiten eingrenzt. In vielen Kulturen ist sie quantifiziert und abzählbar gemacht worden. Sie gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen die Ereignisse und Aktionen der Menschen erlaubt und geregelt werden. Die endliche Ordnung ist damit eine Voraussetzung für die Ausübung von Macht, die die Freiheitsgrade der Menschen eingrenzt.

Zeit in der Welt

Die Zeit in der Welt wird quantifiziert und mit Uhren gemessen. Es wird verabredet, dass die Ereignisse in der Zeit stattfinden.

Die Zeit im Leben

Wir kennen sehr wohl ein Zeitgefühl das sich für uns in den Erinnerungen, den aktuellen Ereignissen und den Erwartungen niederschlägt. In diesem Sinne verwenden wir in der Kommunikation die Begriffe Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Damit verständigen wir uns darüber, ob Ereignisse für uns unveränderbar sind (Vergangenheit), ob sie gerade geschehen und zu unserem Handlungskreis gehören (Gegenwart) oder ob sie noch mit einer planerischen Erwartung und einer darauf basierenden Aktivität gestaltbar sind (Zukunft). Dieses Zeitgefühl hat keine zählbare Einheit und keine kleinste Basis, in die es eingeteilt werden kann, aber es fließt in den Ereignissen. Es entsteht in den Ereignissen, die zueinander in Beziehung gesetzt werden. Wir erinnern uns an den Tag unserer Einschulung, weil er mit den Geschenken zusammenfällt, die wir bekommen haben, oder weil wir einen Freund zum ersten Mal getroffen haben. Aber wir bringen ihn nicht in Verbindung mit dem 137ten Sonnenumlauf in einem Jahr, der mit einer Zahl im Kalender markiert ist.

Das Gefühl der Zeit hat eine persönliche, individuelle Grundlage und ist in der Wesenheit verankert. Jedes Wesen erlebt seine eigene Zeit und die ist nicht mit dem Ort verbunden, an dem es sich gerade aufhält oder mit der Geschwindigkeit, in der es den Ort wechselt, wie uns die Idee einer relativen Zeit erklären will.

Die Zeitmessung braucht einen Maßstab, das Leben aber nicht. Es braucht keine Zeitmessungen, das Leben findet ohne Uhren statt. In diesem Sinne hat Einsteins Theorie der relativen Zeit keine Bedeutung für das Leben, sie spielt auf einer physikalischen Nebenbühne.

Das Zeitempfinden ist eine Mengalo, es ist qualitativ. Das Zeitgefühl als Qualität ist mit Ereignissen gefüllt. Wenn Ereignisse nicht zueinander in Relation gesetzt werden, ist keine Zeit definiert, und doch ereignet sich etwas. Die Erzählung von Geschichten und Begebenheiten ist ohne die Verwendung gemessener Zeit möglich. Für eine schlüssige Geschichte wird lediglich eine Reihenfolge gebraucht.

Die individuelle Zeit lässt sich erfühlen und erinnert werden nur die Ereignisse. Das ist für das persönliche Erinnern ausreichend. Das Gedächtnis holt keine Uhrzeit an die Oberfläche, sondern allein die Ereignisse, die Gefühle oder die Reihenfolge von Ereignissen.

 

Die Erinnerung kennt keine Zeit.

 

In Situationen und Erfahrungen außerhalb der sinnlichen Wahrnehmung bewegen wir unser Bewusstsein durch einen Ablauf von Ereignissen, die sich mit der Zeit nicht messen lassen. Im Traum haben wir Erlebnisse, die oft so real sind, als hätten wir sie mit den Sinnen in der Realität erlebt, die wir mit anderen teilen. Wir laufen durch Städte und über das Land, überqueren Ozeane oder gehen durch endlose Gänge. Eine Art von Zeitgefühl stellt sich ein, dass wir manchmal bis in die Wachphase tragen und wir empfinden den Traum dann als lang oder kurz, als langsam fließend oder wie ein Standbild. Wir geben ihm aber keine Zeitperiode wie Stunden, Tage oder Sekunden. Die Ereignisse werden teilweise erinnert, aber nicht ihre messbare Dauer.

Die eigene Realität hat keine vereinbarte Zeiteinteilung und das braucht sie auch nicht.

Das Leben ist individuell und qualitativ für jedes Wesen. Es lässt Erlebnisse entstehen, die mit Freude oder Trauer verbunden sind, mit Liebe, mit Sehnsucht, Schmerz, Zufriedenheit oder Zorn oder jeder anderen Gefühlsregung. Gefühle sind Signale aus der Seele, die wir erkennen können und in unser Leben, unser Verhalten oder unsere Erwartungen integrieren. Die Umsetzung der Gefühle in Ereignisse geht natürlich einfacher, wenn wir auf der Gefühlsebene bleiben und die Aktionen in unserem Leben ebenfalls von den Gefühlen geleitet werden.

Auf schamanischen Reisen bitten wir um Hilfe, fragen nach einer Vision oder Offenbarung, lassen die Seele den Kontakt herstellen. Wir werden kaum brauchbare Ratschläge bekommen, wenn wir nach dem Zeitpunkt fragen: „ ... was soll ich morgen tun oder im nächsten Jahr? Wer wird mir in 24 Stunden begegnen, der eine Bedeutung für mein weiteres Leben hat?“

 

In der individuellen Wirklichkeit hat Zeit keine Bedeutung.

 

Eine Entwicklung wird durch die Abfolge von Ereignissen beschrieben. Ein Tor kann nicht geschossen werden, bevor der Ball angenommen wurde. Die Ereignisfolge wird nicht durch die Zeit beeinflusst, sondern durch Aktionen. Das gilt allgemein sowohl in der Natur wie in der individuellen Realität. Manchmal warten wir auf das Eintreten gewünschter Ergebnisse oder auf Veränderungen in unserem Leben. Bevor das geschehen kann, muss etwas anderes aus dem Weg gehen, Hindernisse beseitigt werden oder allgemein müssen sich Randbedingungen verändert haben. Darauf hat die Zeit keinen Einfluss. Wir brauchen eine Reihenfolge der Ereignisse oder Aktionen. Anschließend vergleichen wir Ereignisse in der Zeit und messen ihren Ablauf.

 

Die Zeit wird in der Vergangenheit gemessen.

 

Der Zeit wird in der technischen Zivilisation eine aktive Rolle zugeschrieben: „Kommt Zeit, kommt Rat.“, „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Soll eine Wunde heilen oder meine Gesundheit sich verbessern, dann muss sich etwas ändern. Möglicherweise muss mein berufliches Umfeld geändert werden, meine Partnerschaft oder meine familiären Umstände sich neu ordnen, mein Lebensort gewechselt werden, oder was immer der Verbesserung im Wege steht. Ändert sich nichts an den Umständen und Randbedingungen, dann wird mein Gesundheitszustand unverändert bleiben oder sich sogar verschlechtern. Wenn sich die Gesundheit verbessert, dann ist die Ursache in veränderten Rahmenbedingungen zu finden oder in Ereignissen oder auch nur in anderen Wahrnehmungen. Der Ablauf der Uhr oder des Kalenders beeinflusst meine Gesundheit gar nicht.

Im Wartezimmer des Lebens steht die Zeit still. Es fühlt sich an wie eine zähe Uhr, die dem Zeiger davonläuft. In dem Warten auf ein Ereignis, auf eine Anerkennung, auf das Ankommen einer erwarteten Person, auf das Stillen einer Sehnsucht, auf den Untergang oder die Geburt, zwischen dem Jetzt und dem Ereignis gibt es keine Zeit. Die Erwartung dehnt die Zeit.

Ohne Erwartung im Jetzt, in dem Erleben der Gegenwart, ist die Zeit gedrängt. Die Ereignisse stoßen sich gegenseitig weg, um in der knappen Zeit einen Platz in der Aufmerksamkeit der Welt zu ergattern. Das Wispern der Blätter, das Pfeifen der Bussarde, der Geruch der Erde, der Zug der Wolken, das Straßenschild, ein Lächeln in der Menge, die quietschende Tür, das Gefühl geschmeidiger Seide und das plärrende Radio, alles findet seine Beachtung und erscheint dicht gedrängt in einer Zeitlücke zwischen den Ereignissen.

 

Die erlebte Zeit ist das Gefühl für Ereignisse.

 

Das Zeitgefühl kennt nur die Abfolge von Ereignissen und wird dabei von der Wahrnehmung der Ereignisse und der Erinnerung geleitet. Innerhalb der Gefühle laufen die quantifizierten Ereignisse ab. Wir können Erinnerungen und Geschichten teilen und alle Empfänger haben davon dann mehr. Also sind Erinnerungen ebenfalls unendlich wie das Zeitgefühl. Beide gehören zu den Mengalo.[6]

Wir erinnern uns an den ersten Schultag oder das erste Kind, aber auch an einen Duft im Wald oder an einen Unfall. Wir erinnern uns an die Farbe des Mailänder Doms oder das Kreischen der Vögel am Leuchtturm. Das sind Ereignisse, zu denen irgendeine Zeit gehört. Diese gemessene Zeit hat aber keine Bedeutung für unser Leben. Der 23. August 2012 hilft uns in keiner Form irgendwie durch das Leben zu kommen. Eine Erzählung von den Erlebnissen am Strand in Ho‘okipa bringt uns die Erinnerung an die Seeschildkröten wieder, die sich dort ausgeruht haben. Die gemeinsame Erinnerung hilft uns dabei, unser Gefühl bei ihrer Beobachtung wieder hervorzurufen. Wir erzählen Geschichten über Ereignisse. Das Kalenderdatum oder die gemessene Zeit haben darin keine Bedeutung. Ein Datum rührt keine Gefühle, das können nur Ereignisse oder Erinnerungen daran.

An den Grenzen der Endlichkeit, zum Beispiel an den Grenzen der Sprache und Kommunikation, an den Grenzen der Mathematik, an den Grenzen der Zeiträume und der menschlichen Beziehungen berührt das verschachtelte System der Endlichkeiten die Unendlichkeit. Die Endlichkeit der verstandeskonstruierten Welt ist in die Unendlichkeit der Gefühle eingebettet. Zuerst ist das Gefühl für die vergangenen oder erwarteten Ereignisse da und darauf wird dann ein Messbegriff gelegt, den wir Zeit nennen.

Die Zeit entsteht mit der Messung der Abfolge der Ereignisse. Ohne die Abfolge von Ereignissen gibt es keine Zeit und einer Messung fehlt die Grundlage - Zeiteinheiten haben ohne Ereignisse keinen Sinn. Zeit ist konstruiert. Ein Zeitgefühl gibt es immer, auch ohne Messung. An diesem Beispiel wird deutlich, dass das unendliche Gefühl die Basis ist, nicht die endliche Messung.[7]

Tiere erleben keine Zeit, sie leben in den Gefühlen. Die Aktionen der Natur sind von Anpassungen an die Rahmenbedingungen bestimmt. In der Wahrnehmung der Tiere und Pflanzen gibt es gewisse Konstellationen und Ereignisse, die zu einer Aktion einladen.

Ein Baum wirft seine Früchte nicht am 29. September jeden Jahres ab, sondern wenn die Konstellationen in seiner Welt es erfordern. Die klimatischen Bedingungen müssen relativ gut für die Sprösslinge sein, die Luft soll eine gewisse Feuchtigkeit haben, der Boden ist aufnahmebereit, die Früchte wachsen nicht mehr und der Baum bereitet sich auf den kalten Winter vor.

Es gibt eine Abfolge von Ereignissen, aber sogar die Abfolge ist individuell. Wir sehen zwei Bäume der gleichen Sorte nebeneinander im Wald. Im Herbst wird der eine Baum schon frühzeitig die Wasserzufuhr in die Blätter stoppen. Sein Laub verfärbt sich, während der unmittelbar neben ihm stehende Baum noch immer grüne Blätter hat. Es ist als wollten sie uns zeigen, dass sie Individuen sind mit unterschiedlicher Erwartung in die Zukunft und abweichender Einschätzung zur Witterung.

 

Die Zeit in der Wirklichkeit

Die Idee der Wirklichkeit trägt jeder Mensch in sich. Diese Idee ist reine Qualität - Mengalo, nicht messbar, nicht teilbar, nicht fassbar. Und doch prägt sie unsere sogenannte „Realität“, denn sie ist Grundlage gemeinsamen Denkens, Grundlage der Kulturen, Grundlage der Religionen und Weltanschauungen. Diese Idee hat in der Geschichte der Philosophie unterschiedliche Bezeichnungen bekommen, die im Wesentlichen von dem kulturellen Hintergrund der Bearbeiter geprägt waren. Urgrund, Licht, Energie, Liebe, Kraft, Gott, Nichts, Ewigkeit, Unendlichkeit, Natur, Schöpfung und weitere Begriffe versuchen der Wirklichkeit in der Welt der Menschen eine Basis zu geben.

Auch die Richtung gebenden Denker der Renaissance beginnen ihre Abhandlungen bei den Qualitäten und den natürlichen Grundlagen menschlicher Kulturen.[8] Der Mensch zieht die abstrakten Qualitäten (die Mengalo) mit einer Namensgebung und einer Quantifizierung in seine Welt. Die Wirklichkeit der menschlichen Welt ist eine Verabredung, die der Kommunikation bedarf. Die philosophischen Konzepte kreisen um die Frage des Übergangs von der Unendlichkeit der Qualität zu der Endlichkeit menschlicher Wirklichkeit. Am Beispiel der Zeit lässt sich das Realitätskonzept veranschaulichen.

 

Was ist Zeit? Augustinus sagte: „Nur für mich weiß ich, was Zeit ist, sobald ich es jemandem erklären will, weiß ich es nicht mehr.“ Damit gibt er sein Bild wieder, nach dem die Zeit als Gedanke für jedermann möglich und plausibel ist. Oder wie Kant es formuliert „Die Zeit ist a priori gegeben“ . Von einer Messung der Zeit ist hier noch nicht die Rede. Will man sich jedoch verabreden, so ist die reine Qualität der Zeit unbrauchbar. Eine Verabredung trifft man auf quantifizierter Basis zu einem Tag, einer Stunde, einer Minute. Die Genauigkeit der Zeiteinteilung ist eine Gewohnheit, eine kulturelle Gepflogenheit oder von dem Gegenstand der Betrachtung abhängig. Mit der Quantifizierung hat der Mensch die Unendlichkeit der Mengalo verlassen.

Die Vergangenheit sind kumulierte Erlebnisse. Die Zukunft ist noch nicht erlebt, ihre Zeitbestimmung ist einfach. Die Zukunft hat keine Zeit, denn wenn nichts geschieht, dann wird es sie nicht geben und es gibt demzufolge auch keine Zeit, keine erlebte und keine messbare. Du könntest sagen, es gibt die Zeit aus der anderen Welt, der Welt der Anderen. Du kannst dich orientieren an der Zeit der Sonne, der Zeit deiner Mitmenschen, der Zeit der Bäume und Dir dann ausdenken, was Dir in diesem Rahmen widerfahren kann, was Du erleben kannst, vielleicht auch was Du Dir wünschst. Aber das ist alles ungewiss.

 

Die Gegenwart hat die Möglichkeiten für Ereignisse.

 

Vergangenheit sind Erinnerungen und zu Strukturen gewordene Ereignisse. Die vergangenen Ereignisse sind wie die Jahresringe der Bäume, gelebt und dann gefestigt. Nichts kann sie ändern, alles bleibt. Die Erinnerung pocht an das Bewusstsein, sie erklärt die Erlebnisse und schickt neue Gefühle zu alten Ereignissen auf den Weg. Die Ereignisse sind natürlich unveränderlich, aber die Erinnerungen ändern die Vergangenheit.

Jede eigene Vergangenheit ist individuell allumfassend wie das Leben. Sie gehört in das eigene Leben und sie ist mit den Gefühlen durchsetzt. Darauf aufbauend gibt es die verabredete Wirklichkeit, die mit anderen Menschen kommuniziert ist und auf die man sich geeinigt hat. Geschichten werden erzählt und sie werden geteilt. Dann hat jeder die Geschichte und sie hat sich vermehrt. Geschichten sind Mengalo.

Gemeinschaften entstehen mit Mengalo und werden gefestigt. Wir können nicht beobachten, dass eine Verbundenheit allein durch Grenzziehungen etabliert wird. Es sei denn, im Ablauf der Ereignisse innerhalb der Grenzen werden gemeinsame Geschichten erlebt und geteilt. In der Gemeinschaft erzählt man die Geschichten der eigenen oder der gemeinsamen Vergangenheit. Damit definiert sich eine Familie, ein Stamm, eine Nation oder eine Kultur. Die Heldengeschichten des Odysseus wurden von den Griechen erzählt, nicht von den Römern. Die Geschichten der Indianer erzählen sie sich untereinander, sie werden nicht die Geschichten der Cowboys oder der Siedler teilen. Die Wirklichkeit ist verabredet und qualitativ.

Die geteilte vergangene Wirklichkeit schafft ein Volk, eine Kultur oder eine Familiengeschichte. Die Ereignisse sind darin zu einer Struktur geworden, die sich kaum auflösen oder zerstören lässt. Sie kann zugedeckt werden mit anderen Ereignissen und danach in Vergessenheit geraten. Aber sie nimmt immer als Rahmenbedingung und Ausgangspunkt an den nächsten Aktionen und Entscheidungen für die Wege der Gegenwart teil. Das ist die Dynamik des Lebens, die der Vergangenheit mit den Erinnerungen und Einflüssen einen Platz in den Rahmenbedingungen der Gegenwart einräumt.

Die Menschen verwenden vermeintlich unveränderliche Wiederholungen als Maßeinheit. Die Umdrehung der Erde um die Sonne wurde als Maßeinheit verwendet, die Laufbahn des Mondes um die Erde, aber auch die Oszillation eines Quarzes. Bezüge wie Sanduhren, Kirchturmuhren oder Stechuhren sind zweckgerichtete Repräsentanten für die vereinbarten Maßeinheiten. Beobachtet man das Werden und Vergehen eines Lebewesens und setzt es zu den Repräsentanten der Zeit in Beziehung, so quantifiziert man die Dauer seines Lebens. Man gibt ihm eine Menge von Zeiteinheiten.

Selbstverständlich würde das Lebewesen, die Materie, ein hergestelltes Gut, ein Ereignis, ein Abenteuer oder ein Lebensabschnitt auch dann werden und vergehen, wenn er nicht zu zeitlichen Maßeinheiten in Beziehung gesetzt wird.

 

Die Zeit bewirkt keine Ereignisse, Zeit entsteht durch die Ereignisse.

 

Der Mensch hat eine Zeit erfunden, die er für sein Überleben gar nicht braucht. Zum Überleben reicht die Regel: "Hier sind deine Möglichkeiten, nutze sie!" Selbst die Konzepte für die technische Kultur passen in dieses Grundkonzept. Die erfundene Zeit des Menschen ist an seiner Wirklichkeit orientiert, sie ist naturfeindlich und der Mensch hat seine individuellen Vorstellungen von Zeit und Raum und anderen Inhalten der Wahrnehmung entwickelt. Er hat die Möglichkeiten eine Welt zu erfinden und deshalb nutzt er sie. Wir werden wohl nie ergründen können, ob diese Möglichkeit jedem Wesen offensteht. Erfindet ein Hund seine Welt, erfindet eine Ameise ihre Welt? Teilen Bussard und Maus eine gemeinsame Welt? Teilen Mensch und Schildkröte eine Welt und trennt den Menschen von anderen Wesen lediglich die Kommunikation auf sprachlicher Ebene und seine Selbstwahrnehmung?

Die Welt besteht aus den erkannten Möglichkeiten, die wiederum von den anderen Lebewesen mit eingerahmt wird. Das beginnt bei der Ernährung, denn Leben ernährt sich von Leben oder von seinen Ausscheidungen, Früchten oder Abfällen. Das setzt sich in der Behausung oder der Umgebung fort, in der sich ein Wesen bewegt oder in die es hineinwächst.

Ereignisse müssen wahrgenommen werden, sonst lassen sie sich nicht erinnern. Welche Ereignisse bleiben dem Kolibri im Gedächtnis? Wie viele andere Tiere und Menschen erinnert er sich an den Ort einer guten Nahrungsstelle. Er wird seine Umgebung wahrnehmen, denn er muss sich orientieren. Er schlägt mit seinen Flügeln etwa 50mal pro Sekunde und kann sehr lange auf einer Stelle vor einer Blüte schwirren. In diesem Zustand schlürft seine Zunge 15mal pro Sekunde den Nektar aus dem Kelch.

Für den Kolibri ist das eine ereignisreiche Zeit, die sicher nichts mit der Umlaufbahn der Erde um die Sonne zu tun hat, aus der Menschen die Sekunde abgeleitet haben. Wir sehen nicht die Flügelschläge des Kolibris und nicht die Bewegung der Gestirne.[12] Die Bewegung (Veränderung) ist eine Funktion der Ereigniszahl und der Wahrnehmung des Beobachters. Veränderung ist nicht eine Funktion der Zeit.

Die Zeit in der Welt

Sogar die Sprache hat in Jahrhunderten der Differenzierung enge Grenzen gezogen. Das nur mit dem Geist zu erkennende (Noumenon) Gleiche wurde auseinanderdividiert. Die in der spirituellen Dimension der Griechen und aller indigenen Völker gedachte untrennbare Einheit von Subjekt und Objekt wurde gespalten. Die Spaltung kann nicht mehr zurück entwickelt werden.

Aus den Möglichkeiten entsteht im Menschen der Gedanke.

 

Der Mensch denkt, weil er ist.

 

Die Quantifizierung der Zeit gehört zur Grundlage des mechanistischen Weltbildes. Niemand außer den Menschen in der mechanistischen Welt braucht eine gezählte Zeit. Kein anderes Wesen zählt die Zeit und trotzdem lebt es in der natürlichen Ordnung. Also kann die quantifizierte Zeit keine Grundlage für das Leben sein, sondern nur eine Messgröße in der intelligiblen Ordnung des Menschen. Die Zeit gehört nicht in das allgemeine Bild der Welt, sondern ist ein Ausdruck der speziellen technisch-mathematischen Sicht.

In der Quantifizierung der Zeit geht ihr Fluss verloren, denn sie wird in kleine, messbare Einheiten zerstückelt. Die quantifizierte Zeit entsteht mit den Messungen, deren Ursprung von den eigenen Erlebnissen unabhängige Ereignisse sind. Unabhängig in dem Sinne, dass wir nicht erwarten durch unser Handeln und Erleben die beobachteten Ereignisse zu beeinflussen. So entstand die Maßeinheit der Zeit ursprünglich aus der Messung der Umlaufbahn der Erde um die

 

Die Zeit macht keinen Sinn, insbesondere wenn nichts passiert.

 

Einstein hat die Uhren miteinander verglichen im Rahmen der mechanistischen Welt, die nichts über das Zeitgefühl aussagt. Seine theoretische Ausarbeitung fußt auf einem konstruierten Teil der Welt, den es vielleicht gibt, aber der vor einem weiteren Nachweis ausschließlich in der intelligiblen Ordnung existiert. In der Welt der gemessenen Zeit ist die Bestimmung der Gegenwart bisher noch nicht gelungen.

Je feiner die Zeit in messbare Einheiten zerlegt wird, desto unwirklicher und absurder wird die Bestimmung der Gegenwart. Die moderne Einheit der Zeit ist in Atomuhren realisiert, die eine Sekunde mit der Präzision von 17 Stellen hinter dem Komma bestimmen. Jede Schwingung des Atoms davor ist die Vergangenheit und jede nächste Schwingung ist die Zukunft. Aber wo bleibt die Gegenwart?

Die Gegenwart in der gemessenen Zeit hat nur eine Bedeutung in der mechanischen Welt, die sich an diesen Einheiten orientiert und in der jedes Ereignis gemessen wird. In der konstruierten Welt hat die Zeit eine Funktion wie alle anderen Ereignisse und Beobachtungen. Dort hat die Gegenwart keinen Sinn und die Frage ist falsch gestellt. In der funktionalen Welt folgt die Zukunft aus der Vergangenheit auf berechenbare Weise. Wenn nur alle Anfangsbedingungen und die quantifizierten Zusammenhänge bekannt sind, lassen sich die folgenden Ereignisse berechnen und genau voraussagen. Die Welt ist eine riesige Maschine. Die Menschen und alle anderen Wesen haben in dieser Welt nur einen bestimmbaren Platz, wenn sie ebenfalls auf die Funktionen von Maschinen reduziert werden. Sie sollen ebenso berechenbar sein und die Ergebnisse ihrer Aktionen werden dann voraussagbar. Sie haben keine Gegenwart.

So viele Menschen leben in dieser Weltmaschine, so viele Wissenschaftler erforschen ihre Details, so viele Schicksale sind an die konstruierte Welt geknüpft, so viele Ereignisse werden in ihrem Raum und ihrer Zeit beobachtet, dass die Weltmaschine auch die natürlichen, gefühlvollen und wertvollen Lebensläufe mit hinwegrafft. Eine maßgebende Funktion in der Weltmaschine kommt der quantifizierten Zeit zu. Sie strukturiert das Leben.

Die abendländische Gesellschaft hat sich auf die Einteilung des Jahres nach dem Lauf der Sonne geeinigt. Daraus leitet man für die Welt des Kleinen die Nanosekunden ab und für die Welt der großen Zeiteinteilungen die Lichtjahre. Alle ähnlichen Quantifizierungen dienen der Kommunikation zwischen den Menschen einer Gesellschaft. Die Verständigung ist nicht immer eindeutig, sie kann tatsächlich auch irreführend sein – im Falle von Irrtum oder Lüge. Der Umgang mit der Zeit in der Gesellschaft ist aber immer ein konstituierendes Element der Kultur.[13]

Die Einteilung des Tages in 24 Stunden ist willkürlich, ebenso wie die Zusammenfassung von sieben Tagen zu einer Woche oder die unterschiedliche Tageszahl in den Monaten. Bevor die Erde vor etwa 4,5 Mrd. Jahren entstanden ist, gab es keine Bezugsgröße. Andere Kulturen auf der Erde richten ihre Zeit nach dem Mond aus. Das neue Jahr beginnt dann an jeweils anderen Daten. Die Einteilung des Tages in Stunden ist eine Festlegung in den neuen Konventionen der Kultur. Lange vor dieser Einführung wurde der Tag zwischen Tagesanbruch und Nacht in die gleiche Stundenzahl eingeteilt. Damit wurden je nach Jahreszeit die Stunden unterschiedlich lang. Das Leben der Menschen ließ sich auf dieser Basis ebenfalls sehr gut organisieren.

Zeit verbraucht sich für einen Konventionellen. Zeit markiert für ihn den absoluten Rahmen seines Tuns. Er empfindet sie so endlich, wie seine Welt. Zeit kann für ihn gemessen werden und ist von den Ereignissen unabhängig.

Der individuelle Tagesrhythmus ist ohnehin nicht in das 24-Stunden-Schema zu pressen. Vielfache Versuchsreihen und Beobachtungen am Menschen haben einen abweichenden Rhythmus festgestellt. Es ist wohl unwidersprochen, dass die Festlegung der Arbeitszeit in acht Stunden unabhängig von der Jahreszeit, dem Alter des Arbeitnehmers, der anfallenden Arbeit und der physischen oder geistigen Beanspruchung oder Leistungsfähigkeit, eine willkürliche und mühsam erstrittene Regelung ist. Wenn dem Unternehmer freie Hand gelassen wird, dann lässt er Erwachsene und Kinder 14 Stunden und länger täglich arbeiten ohne Rücksicht auf deren Gesundheit oder Leistungsfähigkeit. So ist es in den vergangenen Jahrhunderten geschehen und solche Zustände herrschen in manch anderem Land, das die Industrialisierung nach westlichem Vorbild in Gang setzt.

Von diesem Niveau aus betrachtet erscheint die 40-Stunden Woche als Fortschritt, wie auch die Verbesserung der Atemluft und die Aufbereitung des Trinkwassers, die persönliche Freiheit und die Erhöhung des Wirkungsgrades von Kohlekraftwerken, ökologischer Landbau und die Altersversorgung, Urlaubsanspruch und soziale Gerechtigkeit. Die meisten dieser "Fortschritte" gab es schon vor der Industrialisierung, vielleicht nicht alle gleichzeitig, aber viele davon in besserer Qualität als heutzutage.

 

In den Grenzen der Zeit

 

In den geschachtelten Ebenen hat die Zeit unterschiedliche Bedeutungen. Damit hat die Zeit auch unterschiedliche Bedeutungen für die Bewohner dieser Ebenen.

Das Leben mit der allumfassenden individuellen Zeit gibt den Rahmen für alle Lebewesen. In dem Leben genügt das Zeitgefühl, um das Prinzip des Lebens aufrecht zu halten.[14]

Die Wirklichkeit mit ihrer Zeit ist abgestimmt zwischen den Individuen und eine mentale Errungenschaft des Menschen. Sie gibt dem Leben die Schranken innerhalb der diese Spezies sein Dasein ‚erlebt‘.

Die Welt ist ein erdachtes Gespinst von Regeln und Kausalitäten, in denen die Zeit eine quantifizierte und verabredete Grundlage bildet. Die Zeit der Welt ist kulturell aufgestellt und an vereinbarte Ereignisse gekoppelt, wie der Umlauf der Erde um die Sonne, die Erdumdrehung, die Schwingung eines Atoms oder der Lauf von Sand durch eine Röhre. Das Leben wird eingezwängt.

Die Regeln zu der Zeit, zur Einteilung des Tages, der Freizeit, des Schlafens, sind nicht aus der Natur abgeleitet, obwohl die Machthaber den Strukturempfängern das so erklären. Es wird viel Aufwand hineingesteckt, die Struktur so darzustellen, als hätte die Wissenschaft sie in der Natur gefunden.[15] Nachdem der Mensch in das Zentrum des Weltbildes gestellt wurde, konnte das Zeitgefühl der anderen Lebewesen an die Seite gedrängt werden. Der Mensch hatte nach der Diktion von Kant mit dem Gebrauch des Verstandes und der Abstraktion vom Geist eine höhere Stufe der Entwicklung erreicht. Nach diesem gedanklichen Schritt reicht es zur Begründung in der technischen Kultur schon aus, die Zeitregel aus der Natur für das Leben und das Weltbild des Menschen zu behaupten.

Verlassen wir das anthropozentrische Weltbild und versuchen die Zeit auf eine allgemeine Form für alle Wesen dieser Erde zu basieren, dann sind wir sehr schnell beim Ende der Quantifizierung der Zeit angelangt, denn andere Wesen haben eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Zeit und richten ihre Aktionen und ihr Leben darauf ein. Kein anderes Wesen außer dem Menschen versucht allerdings die von ihm empfundene Zeit auf die anderen Wesen oder die gesamte Natur zu übertragen oder noch extremer, die anderen Wesen und die Natur unter seine Diktatur der Zeit zu stellen. Mit seinem Zeitbild dominiert er die Welt, so wie er sie versteht. Das ist seine Machtanwendung, genauer: das ist die Machtanwendung der anthropozentrischen Kultur.

Das Zeitbild der Machtkultur ist nur ein Aspekt des Weltbildes. Die Macht braucht Grenzen für die Natur und die Individualität ihrer Untergebenen. Macht schränkt die Freiheitsgrade ein, so ist sie definiert. Natur erweitert die Freiheitsgrade, denn sie führt neue Möglichkeiten aus dem Nichts hinzu. Das will die Machtkultur kontrollieren und so lebt die anthropozentrische Gesellschaft nicht in Synergie mit der Natur und den anderen Wesen. Macht in diesem endlichen Sinne ist nur mit Verlust für den Machthaber teilbar. Gesellschaften in Synergie mit der Natur teilen mit ihr die Stärke und leben in dieser Stärke.

Die Messung der Zeit ist ein Machtmittel.

Als Beleg für die Abkehr der Naturwissenschaften vom Leben mag gelten, dass die Zeit in den Laborversuchen keine Rolle spielen darf. Die Physik ist zeitlos, weil ihre technischen oder chemischen Experimente unabhängig von dem Lauf der Ereignisse (der Zeit) des Lebens überprüfbar sein müssen. Die meisten physikalischen Gesetze sollen von dem Zeitpunkt unabhängig sein, zu dem sie jeweils überprüft werden.[16]

 

Das erscheint widersinnig, denn die Physik hat die Zeit und den Raum quantifiziert, damit sie Gesetze aufstellen kann. Sie hat diese Umgebungen willkürlich in Relation zu den menschlichen Wahrnehmungen quantifiziert. Sie hat Raumkoordinaten und Stunden eingeführt. Der Ball auf einer schiefen Ebene soll an jedem Ort und zu jeder Zeit die gleiche Beschleunigung bei gleichen Rahmenbedingungen zeigen. Die physikalische Welt ist verabredet und quantifiziert. Sie ist messbar. Die Frage „Warum beschleunigt der Ball seine Geschwindigkeit in gleichen Zeitabschnitten?“ wird von der Physik nicht beantwortet.[17]

 

Die Gesellschaften treffen Verabredungen über die Maßstäbe der Zeit. In irdischen Maßstäben hat sich eine Naturwissenschaft auf dem Erkenntnisstand von Isaac Newton entwickelt, die für das Alltagsverständnis der Menschen ausreichend differenziert ist. Jenseits der menschlichen Wahrnehmung im Alltag hat Albert Einstein das Konzept der absoluten Lichtgeschwindigkeit und der relativ dazu veränderlichen quantifizierten Zeit aufgestellt. Es hielt den Überprüfungen in der technischen Welt stand und bestimmt das physikalische Weltbild der Moderne.

Einstein hat eine sehr ausgefeilte Theorie erarbeitet über die unterschiedlichen Zeitmessungen in der Bewegung von einem Ort im Raum zu einem anderen. Er hat diese Messungen in eine Relation zu der Lichtgeschwindigkeit gesetzt und damit ein sehr schnelles Bezugssystem ins Spiel gebracht. In seiner Theorie der Zeit, die relativ zu der hohen Geschwindigkeit des Lichts gemessen wird, vergleicht er Uhren an unterschiedlichen Orten miteinander und mit der Lichtgeschwindigkeit. Das war eine Ausweitung der Betrachtung und Berechnung und ein Fortschritt innerhalb der verabredeten Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen basierten aber auf der Annahme, dass die Zeit der Menschen messbar ist - oder genauer:

 

Zeit entsteht mit der Messung.

 

In der abendländischen, technischen Kultur verrinnt die Zeit. Sie wird als ein Pfeil beschrieben, der seinen Beginn im Urknall hatte und seitdem fortschreitet. Das ist die Anschauung einer Singularität, die nicht so recht in das Konzept der Unveränderlichkeit des Seins passt. Die Unveränderlichkeit des Seins meint eine Strukturkonstanz, die durch die Ereignisse nicht verändert wird. In diesem Weltbild misst die Zeit einen Ablauf, einen Prozess in dem sich etwas ereignet. Nach Kant kann man sich in unserer Alltagswelt die leere Zeit vorstellen, also eine Zeit ohne Ereignisse.[18]

Einstein definiert die Zeit allerdings durch die Ereignisse. Er definiert die Lichtgeschwindigkeit als das Auftauchen von Lichtwellen (oder Lichtquanten) in einem messbaren Raumzeit-Abstand. Ohne die Ereignisse gibt es in der Einstein’schen Welt keine Zeit. In seiner berühmten Gleichung führt Einstein Masse, Energie und Lichtgeschwindigkeit zusammen. In der Wissenschaft treffen sich die Konzepte von Raum, Zeit, Ereignissen, oder gemessenen Kräften. Die Kreativität der Wissenschaftler eröffnet Potenziale für die Technik. Wissenschaftliche Kreativität schafft Freiräume und steckt neue Felder ab, in denen Potenziale für technische Innovationen und Entwicklungen entstehen.[19]

So ist unser Bild der Welt konstruiert worden aus dem Ausschluss der Gefühle und einer willkürlichen Beschränkung auf Materie, einen Raum mit drei Dimensionen und einer Zeit mit fester Skala. Wir nehmen an, dass es eine Gravitation gibt, weil wir sie messen können, aber wir haben keine endgültige Erklärung für das beobachtete Phänomen gefunden. Die Liebe und das Verlangen können die Gefühle hinter der Gravitation sein. Man fühlt sich zu Jemand oder Etwas hingezogen. Wie zu dem Gefühl der Zeit die quantifizierte Menschenzeit gemessen wurde, so wird das Gefühl der Liebe als die Gravitation oder die Anziehungskraft gemessen.

 

Das Gefühl der Liebe bringt die Möglichkeit der Gravitation mit.

 

Das Gefühl der Zeit bringt die Möglichkeit der physikalischen Zeit mit.

 

 

„Die Welt ist, was der Fall ist“, schreibt Wittgenstein in seinem Tractatus.[20] Er schreibt in der Folge auch: „Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte ist die Welt“[21] und „Die gesamte Wirklichkeit ist die Welt.“[22] Sehen wir von seinen eigenwilligen Interpretationen der Worte und Wirklichkeiten ab, so gibt er einer gewissen Ahnung Ausdruck, dass es „Bleibendes“ und „Unbeständiges“ gibt: „Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbeständige.“[23]

Mengalo und Ramsdera

Für das Unbeständige haben wir an anderer Stelle schon den Begriff der ‚Mengalo‘ eingeführt, der die Qualitäten, die Gefühle und alle Unendlichkeiten zusammenfasst. Mengalo sind nicht quantifiziert und im Sinne von Wittgenstein eben keine Gegenstände. Wittgensteins Begriff des Gegenstandes, das Feste und Bestehende haben wir mit dem Begriff der ‚Ramsdera‘ belegt, der alles Endliche und Quantifizierte umfasst, was sich nicht teilen lässt oder beim Teilen vermindert wird. Dies sind die materiellen Gegenstände oder in unserem Zusammenhang ist es die quantifizierte Zeit.

Seit der Aufklärung wird die Welt auf die Physik zurückgeführt und quantifiziert. Nur die Quantität ist wissenschaftlich rational zu durchdringen, sie ist messbar, sie ist berechenbar und sie ist endlich wie der Körper des Menschen. Die gemessene Zeit ist zur Beschreibung der Ewigkeit untauglich, obwohl jeder ein Gefühl für die Ewigkeit hat. Das „Zeitgefühl“ ist ein irreführender Begriff, wenn man ihn auf die quantifizierte Zeit bezieht. Gefühlt wird die Zeit als Qualität, gemessen wird die Zeit als Quantität. Für beide Fälle wird derselbe Begriff gebraucht, das erschwert die Kommunikation und das gegenseitige Verständnis.[24] Die Zeit ist einerseits die Mengalo als Gefühl und andererseits die Ramsdera als vermessene Quantität. Die doppelte Zuordnung wollen wir mit den erklärenden Worten ‚Zeitgefühl‘ (Mengalo) und Menschenzeit (Ramsdera) wieder auflösen, um damit die Verwendungen besser auseinanderhalten zu können.

Die Zeit als Ramsdera (Menschenzeit) ist von zentraler Bedeutung für unsere technische, materielle Kultur. Zeit ist wie Raum die Basis der Wissenschaft abendländischer Kulturen. Die Naturwissenschaften und die Technik sind auf der Basis von Quantitäten entstanden. Die Messung von Zeit und Raum erlaubt die Ableitung aller anderen beschreibenden Größen der Physik. In der Mechanik ist zum Beispiel die Geschwindigkeit als eine Funktion von Zeit und Weg im Raum definiert.

 

Die Endlichkeit der Zeit bestimmt die Welt des Menschen.

 

Ereignisse haben eine Rückwirkung der Menschenzeit auf das Zeitgefühl. Viele Ereignisse in dichter Abfolge fördern das Gefühl, die Zeit vergeht rasch. Diese Ereignisse müssen auch wahrgenommen werden. Die Flügelschläge des Kolibris erkennen wir nicht und sie sind deshalb keine Ereignisse. Das Zeitgefühl ist von unseren Fähigkeiten abhängig, aber nicht von den Ereignissen in der Welt des Kolibris.

 

Nur die wahrgenommenen Ereignisse gestalten die Wirklichkeit. Somit entstehen individuelle Wirklichkeiten und ebenso individuelle Zeitgefühle. Jedes Wesen hat eine andere Wahrnehmung und die damit entsteht jeweils eine eigene Wirklichkeit. Die hängt letztlich entscheidend von unserer Aufmerksamkeit ab, mit der wir Ereignisse beobachten und aufnehmen. Wir machen die Zeit.

Sind wir unaufmerksam, beobachten wir uns selbst, warten auf ein Ereignis, lenken unsere Aufmerksamkeit ab oder fixieren die Uhr, dann zieht sich die Zeit ereignislos dahin. Wir nehmen die Ereignisse nicht wahr und die Leere quält die Uhr.

Gehen wir wach durch die Welt, beobachten die Bienen an den Blüten, die Bewegungen der Grashalme, den Flug der Vögel und die winkenden Zweige. Hören wir auf den Schrei der Krähe und das Pfeifen der Milane, auf das Ächzen der Bäume und das Knacken der Maiskörner. Fühlen wir die Liebe der Erde an den Füßen und den Zug des Windes auf unserer Haut. Schmecken wir das Regenwasser und das Salz unseres Schweißes. Riechen wir den Blütenduft und die feuchte Erde.

Dann zwängen sich Ereignisse zwischen die Zeiger der Uhr und dehnen sie auf, die Zeit wird überdeckt von den Gefühlen.

Menschen teilen die Gefühle mit der Natur und mit den anderen Menschen. Menschen reden und bewegen sich, schmecken nach Schweiß und fühlen die Liebe, teilen ihre Gefühle und brauchen unsere Aufmerksamkeit. Menschen sind in dem Ganzen integriert und haben alles. Sie haben Geräusche wie der Wald und Licht wie der Mond, Gerüche wie die Blüten und Formen wie die Kolibris. Sind wir aufmerksam und nehmen wir das wahr, dann ereignet sich etwas und mit diesen Ereignissen entsteht unsere Zeit in unserer Welt. Und diese Zeit vergeht nicht langsam oder schnell. Diese Zeit ist da für uns und unsere Welt, für unsere Wirklichkeit und unser Leben.

 

Wir machen für uns die Zeit, die wir brauchen.

 

Die gemessene Zeit ist endlich. Wie gehen die anderen Lebewesen mit der Zeit um, die sie nicht messen? In ihrer Welt sind auch Ereignisse, aber haben die Wesen denn keine Zeit? Wir haben schon bei den Betrachtungen über den Baum ausgeführt, dass wir mit den anderen Wesen die Gefühle teilen.[25] Wie fühlt sich die Zeit für einen Elefanten, eine Schnecke, einen Delfin oder einen Kolibri an?

Wenn wir diese Frage beantworten können, dann haben wir gelernt, welche Bedeutung Zeit für das Leben hat.

[1]Fay Dowker: The birth of spacetime as the passage of time, Annals of the New York Academy of Sciences, Bd. 1326, Nr. 1, S. 18-25 (2014)
[2] Goethe, Autobiographisches. Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 1811-1812, 2. Teil, 8. Buch
[3]Isaac Newton: Mathematische Prinzipien der Naturlehre, London, 1687
[4]Die Begriffe haben in der Sprache eine Bedeutung, die historisch bestimmt ist, denn es gibt keine bestehenden, unbestimmten Begriffe. Im weiteren Verlauf des Buches werden die Bedeutungen aufgegriffen und in ihrem Zusammenwirken genauer definiert. An dieser Stelle der Übersicht zur ‚Menschenzeit‘ wollen wir die Begrifflichkeiten nur kurz mit ihrer Bedeutung für den Teilbereich der Zeit ins Licht rücken.
[5] In der weitesten Auslegung ist auch die Erde selbst ein Lebewesen (Gaia). Siehe zu den weiteren Details den Text zum Prinzip des Lebens.
[6] Mengalo sind die Qualitäten im Leben, wie die Gefühle, die unendlich teilbar und vermehrbar sind.
[7]Siehe dazu die Ausführungen zu der Unendlichkeit der Gefühle, die sich vermehren, wenn sie geteilt werden.
[8] Thomas Hobbes schreibt auf den ersten Seiten seines „Leviathan“ über die Qualitäten der Welt. Im weiteren Verlauf seiner Abhandlung zu Macht und Staat bezieht er sich auf die natürliche Ordnung und ihre Gesetze. John Locke leitet seine Staatstheorien aus den natürlichen Grundlagen der Welt ab und basiert darauf seine Ausarbeitungen zu Eigentum und staatliche Aufgaben.
[9]Aurelius Augustinus: Was ist Zeit? (Confessiones XI / Bekenntnisse 11). übersetzt u. mit Anmerkungen versehen von Norbert Fischer, Lat.-dt., Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2000.
[10]Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, 2. Auflage 1787, Berlin 1968, S. 57
[11]Die Bewegung der Sterne und Planeten braucht eine ausgedehntere Zeiteinteilung als die Gezeiten des Meeres, der Lauf eines Menschen oder die Flügelschläge eines Kolibris.
[12]Wir sprechen hier von dem menschlichen ‚Sehen‘ ohne Hilfsmittel, wie Kameras oder Bilderaufzeichnungen.
[13]Die Kultur bestimmt die Dauer von Prozessstadien. Sie bestimmt die Dauer der Jugend, des Arbeitstages, einer Strafe, der Schulzeit, einer Regierung, oder einer Jagdsaison. Die Kultur regelt die Zeit. Die Kultur wird von einer Vielzahl anderer Regeln und Verabredungen geprägt, nicht nur von dem Umgang mit der Zeit. Die Ethik und der Umgang mit der Macht konstituiert eine Kultur ebenso wie das Verhältnis zur Natur, zur Kunst oder die Akzeptanz von Egoismus. Die Staatsform resultiert aus der Kultur, wie auch die Art der Freizeitgestaltung, die Essensgewohnheiten und die Freiheit des Einzelnen oder gesellschaftlicher Gruppen.
[14]Siehe dazu den Text zum Lebensprinzip
[15]Dieses Prinzip der Induktion reicht weit zurück und wurde für die technische Kultur von Francis Bacon (Novum Organum) formuliert. Er wollte damit der Natur ihre Geheimnisse entreißen. Karl Popper hat dieses Konzept verfeinert, s. Konstruktivismus.
[16]Die Naturwissenschaftler nennen das: Die Gesetze sind symmetrisch in der Zeit. Siehe Richard. P. Feynman: Vom Wesen physikalischer Gesetze, S. 110 f. Eine Ausnahme in der Physik ist der 2. Hauptsatz der Thermodynamik, nachdem die Unordnung zunimmt. Das ist der einzige Satz, in dem die Natur mit ihrem undurchschaubaren Chaos wieder das Spielfeld betritt.
[17]Die Wirkung der Gravitation kann gemessen werden, ihre Ursache ist nach wie vor unbekannt.
[18]Die Strukturkonstanz ist in einem wiederkehrenden Rhythmus erkennbar, der die Zeit einteilt. Die leere Zeit im Sinne einer ereignisfreien Zeit kann sich nur auf ein endliches Zeitkonzept beziehen. Das endliche Zeitkonzept hat seine Wurzeln aus der Natur mit der periodischen Wiederkehr des Werdens und Vergehens. Manche Kulturen verwenden zur Symbolisierung dieser ähnlichen Abfolge von Ereignissen einen Kreis. Nur das Bild einer Zeitperiode, also einer quantifizierten Zeit passt mit der Idee einer ereignislosen leeren Zeit und einer konstanten Struktur zusammen.
[19]Die technischen Entwicklungen nutzen die Freiräume, die Kreativität eröffnet hat. Eine kreative Entwicklung kann nur außerhalb der Strukturen gedeihen, technische Innovationen brauchen hingegen Strukturen und Grenzen. Der Begriff „Entwicklung“ hat durchaus eine dynamische Bedeutung, aber ohne einen direkten zeitlichen Bezugsrahmen. Innovationen werden aus der Akkumulation von Wissen geboren.
[20]Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Reclam, Leipzig 1990, Ziffer 1, S. 9.
[21]Ebda; Ziffer 2.04
[22]Ebda; Ziffer 2.063. Seine Begriffsbestimmungen sollen logisch oder zumindest folgerichtig aufgebaut sein. Bei genauerem Lesen ergibt sich nur ein Wirrwarr von Begriffsbestimmungen, die alle schon anderweitig belegt waren. Der Begriff der „Welt“ gehört ebenso dazu, wie der „Sachverhalt“ oder die „Gegenstände“.
[23]Ebda; Ziffer 20271
[24]Der Übergang von der Qualität zur Quantität wird in allgemeiner Form als die Transition vom Einen zum Vielen diskutiert.
[25]Siehe den Text „Der Baum in der emotionalen Landschaft“.