Natur

 

Jenseits der materiellen Natur

Das bisher Beschriebene betrifft die Materie, denn nur darauf ist eine menschliche Ordnung in dem allgemein verstandenen Sinne anwendbar. Im übertragenen Sinne bringt der Verstand auch eine menschliche Ordnung in die Gefühle oder allgemein die immateriellen Eigenschaften des Lebens.

Der Mensch ist ein unendliches Wesen. Darin unterscheidet er sich nicht von anderen Wesen. Seine Unendlichkeit manifestiert sich in den Gefühlen. Die Gefühle sind unendlich, weil man sie durch Teilen vermehren kann. Das fundamentale Gefühl der Wesen und der Menschen ist die Liebe. Die Liebe hält alles zusammen. Aus der Liebe leiten sich situationsbezogen und in Relation zu den anderen Menschen die Gefühle ab, die uns zu anderen Wesen hinziehen und mit ihnen verbinden. Solche Gefühle haben eine positive Ausstrahlung und werden gern geteilt: Vertrauen, Mitgefühl, Verbundenheit, Fürsorge, Verantwortung, Freundschaft, usw. Die Angst trennt von den anderen Menschen oder Wesen. Aus ihr leiten sich die Gefühle ab, die eine Distanz oder Feindschaft zwischen den Wesen schaffen. Auch sie sind unendlich, weil sie nicht geteilt und vermindert werden können. Die trennenden Gefühle sind zum Beispiel: Hass, Misstrauen, Feindschaft, Argwohn, Verachtung, Kaltherzigkeit, Gier, Missgunst, Neid, usw.

Die auf die eine oder andere Art einem anderen Wesen zugewandten Gefühle lassen sich nicht quantifizieren. Man kann nicht 4xMitgefühl empfinden, 3xLiebe, 7xArgwohn oder 2xFürsorge. Deshalb werden Gefühle nicht vermindert, wenn sie geteilt werden und sind also unendlich. Es gibt andere Gefühle, die mit Hilfsgrößen quantifiziert werden und für eine Verwirrung sorgen, da sie Endlichkeit vorspiegeln, wo Unendlichkeit gilt. Das Zeitgefühl, das Raumgefühl oder die Kraft gehören zu solchen doppeldeutigen Konstruktionen. Jeder Mensch hat ein Gefühl für Zeit und könnte sich mit diesem Gefühl sein Leben einrichten. Die gemessene Zeit als Ereignis auf der Uhr dient der menschlichen Kommunikation, ist quantifiziert und hat eine ganz andere Bedeutung für das Leben als das Zeitgefühl.[10]

Das Entfernungsgefühl ist in Meter übersetzt worden, das Schweregefühl in Kilopond, die Geschwindigkeit in km/Std., das Raumgefühl in cbm, Koordinaten oder Atmosphären, je nach Anwendung. Der Mensch kann mit einer Zeitspanne ein Gefühl erzeugen, mit einer Menge von Photonen ein Helligkeitsempfinden, mit einer Menge von Kilopond das Gefühl von Schwere, aber niemals wird ein Raumgefühl eine Koordinate erzeugen.

Die quantifizierten Hilfskonstruktionen machen es überdeutlich, dass die Gefühle fundamental sind. Man kann sich Wesen vorstellen, die nur nach ihren Gefühlen agieren, die keine quantifizierte Ordnung in ihrer Welt kennen, und ohne die Ratio des menschlichen Gehirns[11] überleben, keine Geometrie und keine Mathematik haben, ja noch nicht einmal eine Sprache. Sie leben, weil ihnen die Natur ein einfaches Prinzip zur Verfügung stellt:

 

Hier sind deine Möglichkeiten - nutze sie.

Die Natur teilt ihre Stärke und braucht dazu nur die Gefühle als Rezipient. Man kann sich kein Wesen vorstellen, das nur mit der Ratio ohne die Gefühle in einer quantifizierten, endlichen Ordnung lebt. Zumindest ist es dann kein lebendes Wesen, sondern allenfalls ein Roboter oder eine andere Maschine.

Das Gefühl verbindet den Menschen mit jedem anderen Wesen. Ratio begrenzt sich selbst auf eine Welt, die gedacht werden kann.[12] Diese Eingrenzung auf eine gedachte Welt ist endlich, sie kann nicht geteilt werden. Sie kann kommuniziert werden, aber braucht eine Akzeptanz beim Rezipienten. Er muss sich in die fremde Welt ‚hineindenken‘. Damit lässt sich diese Welt nur unter Mitgliedern der gleichen Kultur austauschen. Das ist die Begrenzung.

Gefühle sind frei. In einer schamanischen Weise werden Gefühle ausgetauscht ohne Sprache, ohne Rückfragen und Erklärungen. Gefühle überqueren die Grenzen des Individuums, der Kultur der Gesellschaft. Sie überqueren die Grenzen der Spezies und die Grenzen von Raum und Zeit. Gefühle sind unendlich.

Die unendliche Kreativität der Natur, die Gefühle und die Stärke lassen viele Strukturen, rationale Welten und Machthaber entstehen. Mit jedem endlichen Maßstab entsteht ein weltliches endliches Spiel. Innerhalb einer Macht kann keine Stärke entstehen, innerhalb einer rationalen Struktur kann kein unendliches Gefühl gedeihen.[13]

In der Endlichkeit gibt es keine Unendlichkeit.

Jedes Wesen, also auch der Mensch braucht eine Umgebung aus natürlicher Ordnung, das ist eine notwendige Bedingung. Allein der Mensch baut sich darin ein Subsystem aus menschlicher Ordnung auf. Diese Ordnung kann ein Gefängnis sein und damit eine Quelle der Angst oder sie kann eine Sicherheit liefern, wenn die Strukturen sorgfältig auf den speziellen Bedarf im Leben des individuellen Menschen abgestimmt sind. Wenn der Mensch bekommt, was er braucht, bleibt der Körper lebendig.

Qualitäten sind von Gott geschaffen, Quantitäten sind Menschenwerk.

Die natürliche Umgebung bezeichnen wir als Chaos, weil sie nicht quantifizierbar ist. Wir können einen Baum nicht quantitativ beschreiben. Dabei meine ich nicht nur die Vielzahl der unterschiedlichen Blätter, sondern auch den Duft, den er aussendet, den Schatten den er spendet und die Ruhe, die er ausstrahlt. Es ist unmöglich, den Geschmack seiner Früchte zu quantifizieren und die Stärke seines Stammes, wenn Du dich dagegen lehnst. Es braucht viel Gefühl, einen lebenden Baum zu erfassen.

Das Gefühl ist mit den Klassifizierungskriterien für die Ordnung nicht zu erfassen oder zu beschreiben. Jedes Gefühl ist Qualität und für die Ordnung fundamental. Gefühle sind unendlich. Man kann sich vorstellen, dass die Ordnung die Möglichkeiten aus der Unendlichkeit einschränkt und strukturiert. Man kann sich auch vorstellen, dass die Auflösung der Ordnung neue Möglichkeiten schafft und gebundene Energien freisetzt.

Die schamanische Wahrnehmung der Natur heißt, die Wesen, die Flora und die Elemente zu fühlen. In erster Linie werden die Gefühle erkannt und akzeptiert. Wenn ich bei der Berührung eines Baumes oder einer Pflanze ein Gefühl erkenne, dann hat sich das nicht autonom oder zufällig in mir entwickelt, sondern es ist die Nachricht, die die Pflanze mir zukommen lässt. Jedes Gefühl entsteht aus einer Verbindung. Wir sind verbunden. Wenn wir aufmerksam sind, entdecken wir die Gefühle bei uns. An der Verbindungsfläche entstehen die Gefühle und mit der nötigen Aufmerksamkeit gelingt es uns, die Gefühle in uns lebendig werden zu lassen. Mit der gleichen Aufmerksamkeit geben wir die Gefühle über die Verbindung zurück. Wir kommunizieren mit der Natur.

 

Die Natur erkennt Gefühle.

 

Unsere Worte unterstreichen die Gefühle. Indem wir sie aussprechen, geben wir unseren eigenen Gefühlen einen Weg. Das Lob für den Hund, das Streicheln der Katze, das Tätscheln des Ponys, das Futter für die Vögel, der Blick zu einem Schwein, das Anlehnen an den Baum, die Schritte auf der Mutter Erde, all das trägt die Gefühle und die begleitenden Worte sind nur schmückendes Beiwerk.

Die Gefühle tragen die Verbindungen für alle Wesen, Pflanzen und Elemente der Natur. Sie haben eine unfassbar weitere Reichweite als die Worte. Das Wesen „Mensch“ hat mit den Gefühlen den unendlichen Part der Natur erhalten, den er mit anderen Wesen in Synergie teilt. Mit der Strukturierung und Benennung der Gefühle tritt er aus der Unendlichkeit und begrenzt seine Welt. Jeder Mensch entwickelt im Verlaufe seines Lebens seine Strukturen in seiner Welt. Er bleibt nach wie vor ein Teil der Natur.[14]

 

Eine Natur ohne Menschen ist möglich, eine Menschheit ohne Natur ist unmöglich.