Zeit

Unsere Zeit

„Wenn wir unser Erleben des unerbittlichen Vergehens der Zeit angemessen ausdrücken wollen, sollten wir uns vielleicht weiter Musik, Tanz und Drama zuwenden, statt der Wissenschaft,...", schreibt Fay Dowker[1]. Augustinus sagte: „Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht." [2]

Zitate zur Zeit gibt es Hunderte. Jeder Philosoph oder Naturwissenschaftler hat sich der Aufgabe gestellt, der Zeit einen Platz in seinem Bild der Welt zuzuweisen, denn ohne eine Festlegung ihrer Bedeutung kann darauf basierend kein Modell der Welt gebaut werden. Isaac Newton hatte sich in seinem Bild der Welt am weitesten von der Natur losgelöst und für ihn hatte der Zeitverlauf überhaupt nichts mehr mit den Ereignissen in der Welt zu tun: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand."[3]

Wir werden in unserer schamanischen Betrachtung dem Zeitgefühl die größere Bedeutung für unser Bild der Welt zuweisen. Die Zeit ist ohne die Ereignisse nicht messbar, sie entsteht vielmehr erst mit den Ereignissen. Demnach ist die Vorstellung einer ‚Leeren Zeit', in der nichts geschieht, sinnlos. Wir erinnern uns an Ereignisse, aber nicht an Zeitpunkte, Kalendereinträge oder die Füllhöhe einer Sanduhr. Die Ereignisse wiederum hängen von unserer Wahrnehmung ab. Wir geben der Pistolenkugel keine Zeit auf ihrem Flug, weil wir sie nicht wahrnehmen. Anders als die Raubvögel, die mit einer Auflösung von mehr als 100 Bildern pro Sekunde die Kugel fliegen sehen.

Die haben allerdings nicht das Problem, die Zeit definieren zu wollen. Jedes Wesen außer dem Menschen kommt mit einer ungemessenen und nicht quantifizierten Zeit zurecht und lebt sein Leben nach der Reihenfolge von Ereignissen. Aus Sicht der Raubvögel, Hunde und Schnecken sehen wir ein Problem, das gar keines ist und stellen uns Fragen, die keine sind und setzen uns unter einen Zeitstress aus unnützen Erwartungen.

Die Zeit hängt also von den Ereignissen ab und die wiederum von ihrer Wahrnehmung. Den einzelnen Flügelschlag eines Kolibris sehen wir nicht, weil er davon mehr als 50 in der Sekunde macht und das Wachstum unserer Haare sehen wir auch nicht, weil die Haarspitze weniger als 2 cm im Monat zurücklegt.

Gehen wir aber aufmerksam durch die Welt, dann füllt sie sich mit Ereignissen und lässt keine Langeweile aufkommen. Warten wir gebannt auf ein Ereignis und blenden das Leben in der Welt aus, dann scheint die Zeit still zu stehen.

Wir haben es also selbst in der Hand, mit unserer Achtsamkeit die Zeit entstehen zu lassen. Mit dem Geruch der Blüten und dem Blick auf einen Anderen, mit der Liebe zum Augenblick, mit dem Gefühl für den Wind und dem Klang der Musik, entsteht die Gegenwart der Ereignisse.

Die Zeit die wir messen wollen, müssen wir selbst entstehen lassen.



[1] Fay Dowker: The birth of spacetime as the passage of time, Annals of the New York Academy of Sciences, Bd. 1326, Nr. 1, S. 18-25 (2014)

[2] Aurelius Augustinus: Was ist Zeit? (Confessiones XI / Bekenntnisse 11). übersetzt u. mit Anmerkungen versehen von Norbert Fischer, Lat.-dt., Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2000.

[3] Isaac Newton: Mathematische Prinzipien der Naturlehre, London, 1687

Die Sanduhr zur Zeit
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