Der Wille trügt

Der Wille trügt

Der starke Wille ist das allgemein anerkannte Mittel zur Selbstheilung. Wenn es der Wille wäre, die menschliche Ordnung und ihre Begrenzungen zu überwinden und sich hilfesuchend an die Natur zu wenden, wäre das sicher lobenswert. Wenn es der Wille wäre, die Fesseln und Strukturen zu sprengen und auf die vermeintliche Sicherheit zu verzichten, wäre das sicher ein Fortschritt in der eigenen Entwicklung. Wenn es der Wille wäre das Gegenteil von dem zu leben, was in die Krankheit geführt hat, wäre das eine weise Erkenntnis. Die allgemein anerkannte Form des Willens zur Selbstheilung und zum Überleben ist aber der Wille in den gleichen Strukturen, mit den gleichen Mitteln und den gleichen Randbedingungen immer so weiter zu machen, bis der Körper schließlich zerbrochen ist. Der starke Wille besteht innerhalb der menschlichen Ordnung darin, trotz der bisherigen Fehlleitungen in der Struktur den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen und das Leiden auszuhalten. Dieser starke Wille ist eine Worthülse und meint eigentlich die große Angst vor der Unsicherheit.

Das Gefühl sagt: „Ich sitze in der Falle." Der Verstand sagt: „Hier drinnen in den Mauern der Struktur bist Du sicher." Das Gefühl: „Aber hier drinnen bin ich krank." Der Verstand: „Besser krank als unsicher."

Mit schamanischer Hilfe findet man das Vertrauen zu den Kräften der Natur wieder. Der Kranke hat die Region der Gesundheit verlassen und ist in einer krankmachenden Umgebung gefangen. Ganz offensichtlich hat der Wille den Menschen in diese Umgebung geschickt, oder zumindest nicht davon abgehalten. Wenn der Wille allein diese Situation zum Guten wenden kann, warum ist es dann überhaupt so weit gekommen?

Eine wichtige Erkenntnis aus der schamanischen Arbeit ist: Du bekommst nicht was Du willst, sondern was Du brauchst.

Wir wollen im Weiteren den Menschen der sich schamanischer Hilfe anvertraut deshalb den „Brauchenden" nennen.[1]

Medizin verstehe ich wie „Krankheit" in einer sehr weiten Auslegung und ihre Wirkungen mit zwei großen Zielrichtungen. Die grobe, einfältige und in Notfällen angewandte und akzeptierte Richtung ist die Beseitigung der Symptome, womit meist Schmerzlinderung gemeint ist. Bei psychischen Funktionsstörungen soll die Person in das normale, angepasste oder antrainierte Verhalten zurückgebracht werden oder von gefährlichen Aktionen für sich und seine Welt abgehalten werden.

Die zweite Richtung ist der Anstoß zur Selbstheilung. Unabhängig davon, wie eine Medizin auf die Person, ihren Körper oder ihre Seele einwirkt, immer wird auf einer fundamentalen Ebene der unbekannte Anstoß zur Selbstheilung gegeben. Jede Heilung ist Selbstheilung. Dabei kann der Auslöser oder der Startpunkt aus verschiedenen Ebenen kommen, die Mediziner oder Anthroposophen zur Verdeutlichung strukturiert haben. Ich werde diese Ebenen einmal aufzeigen, da ich gelernt habe, meine Sicht in die konventionellen Bilder der „naturwissenschaftlichen" Anschauungen einzusortieren.

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[1] Das beschriebene Bild der Welt ist mein eigenes Bild aus meinen eigenen Erfahrungen. Ich habe es mit vielen veröffentlichten Anschauungen abgeglichen, aber es ist mein eigenes Bild. Die weitere Beschreibung der schamanischen Arbeit ist meine eigene Erfahrung, die ich auf vielen Reisen von den Spirits bekommen habe und die ich zum Guten mit den Brauchenden teile.