Austritt aus dem Paradies

Austritt aus dem Paradies

 

Das Paradies ist die Natur. Es wird gebildet von den Wesen, dem Leben und dem vergangenen Leben und es hält den Rahmen, die Nahrung und alle Potenziale für das Leben bereit. Das Paradies ist nicht erkennbar für seine Wesen und damit bleibt es ein Paradies. Wird es erkennbar, dann ist der Beobachter außerhalb des Paradieses. Der Mensch hat das Paradies erkannt und ist zumindest mit den Erfahrungen und den Strukturen des Verstandes außerhalb des Paradieses. Wir haben unsere Wahrnehmung und unsere Erfahrung, die wir ähnlich wie alles Leben in der Welt mit den anderen Wesen teilen. Für die Kommunikation mit anderen Menschen haben wir ein System aus Sprache, Schrift, Bildern, Gesten und denotativen Symbolen entwickelt, die wir nur mit anderen Menschen in der Kommunikation austauschen können. Daneben tauschen wir absichtlich, also willensgesteuert in Ansätzen Gestik oder Sprache mit anderen Wesen aus, oft ohne zu verstehen ob und warum sie die Absicht hinter unseren Gesten in unserem intendierten Sinne wahrnehmen.

Mädchen und AffeWenn ich dem Hund den Befehl „Sitz" gebe, dann tue ich das einmal, damit ich den Nachbarn in Ruhe begrüßen kann und ein andermal, um sein Leckerchen zu verstecken. Mit dem Wort allein werden diese Unterschiede nicht vermittelt und ausgetauscht. Der Hund hingegen tauscht mit anderen Hunden und Wesen eine Vielzahl von Gesten aus oder reagiert auf deren Verhalten (Weglaufen, Drohen, Spielen) in einer Weise, die nur mit viel Übung und Erfahrung nachvollziehbar ist - und oft gar nicht.

Viele Tiere, die wir beobachten und studieren können, reagieren auf die Gefühle und unbewussten Zeichen der Menschen ebenso wie auf die der anderen Tiere. Wenn ein Mensch Angst hat, geht der Hund hin, braucht der Mensch Wärme, legt die Katze sich auf seine Füße, zwitschern die Vögel, empfindet der Mensch Freude. Es gibt zwischen allen Wesen eine Verbindung auf der Gefühlsebene und diese Verbindung ist das Paradies.

Soweit wir es wissen oder erahnen können, teilt das Leben in der Natur die Gefühle und die Reaktionen auf Einflüsse die es erfährt mit allen Wesen. Die Arten haben für ihre Lebenswelt spezifische Wahrnehmungsorgane entwickelt, die ihnen ein Leben ermöglichen und die Potenziale nutzen lassen, die in ihrer Struktur bereitstehen.[1] Die Organe haben jeweils die ausreichende Komplexität für die Fähigkeiten des Organismus. Die Abhängigkeit von den Randbedingungen bedingt solche Organe und sichert die Überlebensmöglichkeiten in den Strukturen.

Pflanzen reagieren auf Lichteinstrahlung und Wasser. Manche Forscher haben nachgewiesen, das Pflanzen und selbst das Wasser auf Gefühle reagiert. Die Wahrnehmung von hell und dunkel reicht manchen Tierarten schon aus um sich daran zu orientieren und in sichere Gegenden zu schwimmen oder sich vor Feinden zu verstecken. Wir würden als Menschen die Wahrnehmungsorgane untersuchen und erklären, dass die Wesen aus der Verdunklung ihres Gesichtskreises auf eine Gefahr schließen. Auf unerklärliche Weise nehmen die Wesen wahr, ob sich ein Freund oder ein Feind auf sie zu bewegt, oder ob sie sich einem Stein oder einer Pflanze nähern. Das können wir nicht wissen und das werden wir nie erfahren, wenn wir von außen auf das Paradies schauen. Wir erkennen das Paradies, weil wir nicht drin sind und wir erkennen überhaupt etwas, weil wir vermutlich mit der Großhirnrinde ein Organ entwickelt haben, das das Selbst-Bewusstsein ermöglicht. Es ermöglicht uns zugleich Akteur und Zuschauer unserer Aktionen, Empfindungen oder Reaktionen zu sein.

Ob die Großhirnrinde eine Entwicklung ist, die im Sinne einer Lamarck'schen Vererbung von Gelerntem uns, den Menschen einen Entwicklungsvorteil verschafft, ist nicht abschließend zu beantworten. Die Evolutionisten bejahen das, denn sie geben dem denkenden Gehirn die Aufgabe, abstrakt zu phantasieren, Pläne zu schmieden, diese zu kommunizieren und gemeinschaftlich umzusetzen. Das habe zum Entwicklungsfortschritt der Menschen beigetragen. Hinzu kommt noch, dass der Mensch sich dessen selbst bewusst ist. Die Jäger konnten also sich selbst erfahren wie sie jagen, die Pläne mit dem Ergebnis vergleichen und Lernprozesse anstoßen, die zu neuen, besseren abstrakten Plänen führen. Im weiteren Verlauf der Menschheitsgeschichte führte das zu Bildern, Modellen und Planzeichnungen, die mit den jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln übergeben oder kommuniziert wurden.[2] Das begann bei steinzeitlichen Jagdgesellschaften und ist mit dem Bohm'schen Atommodell, dem Urknall oder der Maslow'schen Bedürfnispyramide noch nicht beendet.

Der Übergang von den sinnlichen Qualitäten zu den quantifizierten Begriffen und Symbolen markiert den Ausgang aus dem Paradies. Die Menschen „... vergegenständlichten die sich wiederholenden Muster der Sinneserfahrung und statteten sie mit dinglichen Eigenschaften aus, die einem allgemeinen Muster entsprachen. Später symbolisierten sie diese Invarianzen und vergegenwärtigten sie in Bildern und Klängen."[3] In der Evolutionstheorie führte die Entwicklung des Selbstbewusstseins und der Einsatz des Verstandes als Vorteil im Wettbewerb der Arten zu einer Rückbildung der Instinkte und Sinnesschärfe.[4] Der Mensch trat demnach zuerst aus dem Paradies aus und die Natur versperrte ihm dann die Rückkehr.

Die Frage nach der Reihenfolge oder was war zuerst und damit auch die Suche nach Ursachen und Wirkungen ist nur aus der Endlichkeit zu formulieren, wenn wir davon absehen, dass das Frageprinzip ohnehin aus der Endlichkeit kommt. Das Zuerst muss ja ein Ende haben bevor die Wirkung einsetzt. In der Unendlichkeit hat aber Nichts ein Ende, eine Zuordnung von Ursachen und Wirkungen gibt es nicht im Paradies.

 Inselparadies

Es gibt keine Reisen in das Paradies, aber es gibt paradiesische Reisen.



[1] Zu den Details s. das Kapitel über die Abhängigkeiten.

[2] Aus das hier entwickelte Modell der menschlichen „Systemebenen" ist mit dem Verstand entwickelt und aufgeschrieben.

[3] E. Laszlo, 1998: S. 90

[4] ebd.