Natur - Völker - Kreativität

Pyramide


Natur – Völker - K R E A T I V I T Ä T

Nachdenken über Grenzen und Denken in Grenzen.


Indigene Völker wurden von der „dominanten Kultur“ unterdrückt und sowohl räumlich, als auch kulturell in Grenzen gepresst. Oberflächlich betrachtet erscheint die indigene Kultur unterlegen. Das Nachdenken über die gegenwärtigen Verhältnisse wirft einige Fragen auf, die auch die Native American People beantworten müssen:

Sind die Grenzen für indigene Völker endgültig gezogen und ist der Krieg entschieden?
Ist die materialistische Metaphysik das überlegene Paradigma zu einer Synergie mit der Natur?
Ist die Assimilation an die materialistische Kultur oder die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln der Erfolg verheißende Weg in die Zukunft?

Zu diesen Fragen werden von beiden Seiten gegensätzliche Antworten gegeben, die in allen Fällen zu einer Konfrontation einer weißen Kultur zur jeweiligen indigenen Kultur führen - hier der Indianer. Bei differenzierter Analyse verläuft die Frontlinie aber nicht zwischen beiden Kulturen. Versteht man Kultur als “the sum total of ways of living built up by a group of human beings and transmitted from one generation to another.”(1), so wird die Grenze zwischen den Kulturen innerhalb einer Gesellschaft aufgehoben.

Letztlich bestimmen die individuellen Stärken und Schwächen, die Ethik und die Weltbilder der Menschen die Entwicklung einer Gesellschaft. Die Frage nach der Dominanz einer Kultur oder gar das Bewahren einer unveränderten traditionellen Handlungsweise ist für das Überleben der Menschen uninteressant. Starrsinn, Gier und Machtstreben beschränken den Aktionsradius. Kreativität fördert die Dynamik und eröffnet mehr und neue Handlungsmöglichkeiten.

In jeder Gemeinschaft gibt es Menschen, deren Sucht, Gier, Egoismus oder fehlgeleitete Energie die Freiheit anderer einschränken. Man findet aber überall auch die freien Denker, die sozial engagierten und bescheidenen Altruisten, die Künstler und einfachen, sorgfältigen Arbeiter. Die Grenzlinie der Ethik verläuft innerhalb der Gesellschaft.

In jeder Kultur gibt es die treibenden Kräfte, die mit Weisheit und Vision neue Horizonte außerhalb der etablierten Grenzen finden. In jeder Kultur gibt es die konventionellen Bewahrer, die innerhalb der bestehenden Grenzen gute Lösungen finden.

Die Kultur zum Fokus einer Diskussion zu erheben oder gar zum kriegerischen Streitpunkt kehrt die Reihenfolge der Abhängigkeiten um. Die Basis jeder Entwicklung ist die Natur. Darauf baut das Leben der Menschen und ihre Aktivität auf. Aus dem Zusammenleben menschlicher Gesellschaften entspringt eine Kultur.

Eine Natur ohne Menschen ist denkbar, aber keine Menschheit ohne Natur. Menschliche Gesellschaften mit wechselnden Kulturen sind denkbar, aber keine Kultur ohne Menschen.(2)

Die Natur hat den größten Aktionsradius. Sie ist gleichzeitig der kreative Schöpfer und der Bewahrer ihrer selbst. Die Menschheit hat beide Gaben der Natur erhalten, die sich nicht gleichgewichtig auf die Individuen verteilen. Jeder Mensch hat andere Gaben.

Jede Gemeinschaft grenzt auf jeder Spielebene Gesellschaft – Kultur – Wissenschaft – Technik – Ökonomie mit anderen Regeln den Aktionsradius der Spieler ein.(3)

Die Gesellschaft schränkt mit sozialen Regeln und Tabus die Grenzen ein. Die Kultur begrenzt mit der Ethik die Freiheitsgrade. Technologie schneidet aus allen Varianten die zu dem jeweiligen Stand der Wissenschaft passenden heraus. Die Ökonomie reduziert die technischen Möglichkeiten auf profitable Aktionen.

Jede Stufe mit Regeln, die weiter von der Natur entfernt sind, zieht die Grenzen der möglichen Aktionen enger. Wie weit man die Klassifizierung auch verfeinern will, jeder Spieler auf einer differenzierten Stufe erfährt eine Einschränkung seiner Freiheitsgrade. Die Kreativität nimmt mit dem Abstand zur Natur ab. Die Natur ist kreativ, sie ist der Inbegriff der Kreativität.

Freiheitsgrade werden gedacht, Handeln außerhalb der Gedanken ist unmöglich.

Die indigene Denkweise sucht die Kreativität der Natur.

Die technisch-ökonomische Denkweise grenzt mit Regeln die Kreativität der Natur ein.

Natürliche Entwicklungen bauen auf Synergien auf. Synergie braucht Verbindung.

Entwicklungen in Grenzen ringen um Ressourcen. Wettbewerb braucht Abgrenzung.

Synergie emergiert immer zu kreativen Lösungen, Wettbewerb nie.

Der folgende Diskurs erläutert die kreativen und konventionellen Denkweisen. Für menschliche Gemeinschaften ermöglicht die Synergie zwischen den kreativen und den konventionellen Denkern neue Spiele.(4) Damit werden die unnatürlichen Grenzen zwischen den Kulturen überwunden.

Sogar die Sprache hat in Jahrhunderten der Differenzierung zu enge Grenzen gezogen. Das nur mit dem Geist zu erkennende (Noumenon) Gleiche wurde auseinander dividiert. Die in der spirituellen Dimensionen der Griechen, aber auch der indigenen Völker, gedachte untrennbare Einheit von Subjekt und Objekt wurde gespalten. Die Spaltung kann nicht mehr zurück entwickelt werden. Für das weitere Verständnis des Textes ist die Abstraktion von den Begriffen hilfreich und notwendig. Die Entsprechungen in den Sinninhalten sind:

• Natur – Kreativität – kreative Denker – Gedanken – Spiritualität – Denkweise

• Ebene – Gemeinschaft – Kultur – Spielfeld – Randbedingungen

• Entwicklung – Prozess –Spiel – Aktionen

Die Grenzen der Sprache werden im geschriebenen Wort dokumentiert. Dieser Diskurs soll Bilder beim Leser malen, die seine Vorstellungskraft anregen, den ihm verständlichen Sinn aus dem Inhalt entstehen zu lassen.

Grenzen


Kreative Lösungen findet man außerhalb der akzeptierten Grenzen des vorgegebenen Denkens.

Der kreative Denker legt die Regeln fest, nach denen die konventionellen Denker spielen.

Die Reisegeschwindigkeit wurde nicht erhöht, indem man immer schnellere Pferde gezüchtet hat. Eine quantitative Verbesserung war erst auf dem Boden einer neuen Qualität möglich. Mit der Erfindung neuer Technologien, wie Eisenbahn, Automobil oder Flugzeug wurden neue Regeln für die Fortbewegung geschrieben. Dies hat die Reisegeschwindigkeit erhöht.

Das Wissen wurde mit dem Buchdruck explosionsartig vermehrt; nicht indem man Legionen von Schreibern ausgebildet hat.

Kreativität verläßt die Grenzen der Denkgewohnheiten und macht keine Annahmen, die nicht explizit vorgegeben sind.

Konventionelle Denker denken in Grenzen nach. Kreative Denker denken über Grenzen nach. Kreative Denker definieren Grenzen. Konventionelle Denker akzeptieren Grenzen.

Grenzen werden nicht zu Grenzen, weil sie definiert werden, sondern weil sie akzeptiert werden.

Kreative und Konventionelle sind nicht besser oder schlechter, sie sind anders. Beide müssen synergetisch zusammenarbeiten, um neue Ziele zu erreichen.

Ein kreativer Denker kann allein seine Mission erfüllen. Konventionelle Denker können nur in der Gemeinschaft ihre Ziele erreichen. Der konventionelle Denker kann gewinnen oder verlieren, da er die Regeln anwendet und innerhalb der Regeln gemessen werden kann. Er will gewinnen oder wenigstens soweit wie möglich in der Rangliste oben stehen. Kreative Denker können niemals verlieren, da sie die Möglichkeit haben, die Regeln zu verlassen und neu zu definieren.

Kreative Denker leben in absoluter Freiheit. Sie lassen sich durch keine Regeln einschränken, weder durch physische Erschöpfung, noch durch fehlende Ressourcen oder durch den Tod.

Ideen sind nur dann kreativ, wenn sie keine Grenzen haben. Sie sind nicht meßbar, ihr Ziel wird nie vollständig erreicht.

Innerhalb der Grenzen eines kreativen Prozesses können unzählige konventionelle Prozesse ablaufen. Innerhalb eines konventionellen Prozesses kann es keine kreativen Entwicklungen geben.

Konventionelle Denker wollen in einer geschlossenen Welt ohne Überraschungen agieren. Überraschungen gehören nur in ihre Denkweisen, wenn sie selbst diese Überraschungen produzieren.

Kreative Denker wollen nicht auf Überraschungen vorbereitet sein. Sie vertrauen auf ihre Fähigkeiten Überraschungen zu meistern, wenn sie geschehen. Kreative Denker können ihre Strategien nach neuen Randbedingungen ausrichten und neue Regeln oder Grenzen definieren.. Konventionelle Denker haben Angst vor einer Veränderung der Rahmenbedingungen für die es aus ihrer Sicht noch keine neue Regeln gibt.

Kreative Denker spielen offen und sind angreifbar. Sie haben keine Angst vor unerwarteten Ereignissen. Kreative Denker werden nicht verlieren, da sie die Regeln anpassen können. Sie haben keine Angst vor der Zukunft.


Zeit


Die Natur füllt das Spiel der Menschen mit Zeit.

Zeit verbraucht sich für einen konventionellen Denker. Zeit gehört für ihn zu den Grenzen seines Tuns. Zu Beginn seiner Aktivität ist die Zeit kein begrenzender Faktor, insofern sind Fehler zu verschmerzen, denn er hat noch genügend Zeit, Fehler zu korrigieren. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr Angst hat er, Fehler zu machen, denn er sieht weniger Möglichkeiten, in der verbliebenen Zeit Fehlentwicklungen zu korrigieren. Mit fortschreitender Zeit nimmt die Angst vor Fehlern so weit zu, daß sie in völliger Untätigkeit enden kann.

Der kreative Denker generiert Zeit. Zeit vergeht nicht für einen kreativen Denker, da er jederzeit einen neuen Entwicklungsweg mit einer neuen Zeitrechnung beginnen kann. Der kreative Denker erlebt jeden Moment als den Beginn einer neuen Periode.

Der konventionelle Denker empfindet den Lauf der Zeit als einen sich ständig beschleunigenden Prozeß. Er erlebt als Zehnjähriger fünf Jahre als die Hälfte seines Lebens und als Fünfzigjähriger als nur noch ein Zehntel. Er hat Angst vor der Zeit, die relativ schneller fortschreitet, je älter er wird.

Der kreative Denker erlebt Zeit nicht als ein vergangenes Jahr, sondern als die Zeit des Lernens oder die Zeit der Liebe oder die Zeit der Entspannung. Er hat keine Angst, denn er kann zu jedem Zeitpunkt einen neuen Prozess anstoßen, der lange währt, der ihn selbst überdauert und der die Zeiten der konventionellen Denker beinhaltet. Der kreative Denker definiert die Zeiten der konventionellen Denker. Er setzt sie in Zeitstress, ohne selbst gestresst zu werden.

Eine kreative Entwicklung generiert Zeit, die konventionelle Entwicklung verbraucht Zeit.


Rückkopplungen


Kreative Denker beobachten das Tun ihrer konventionell ausgerichteten Mitmenschen. Sie haben die Perspektive des Publikums. Sie sind aber nicht selbst Publikum, da sie auch die Rolle des Publikums selbst definiert haben. Publikum als solches sind konventionelle Denker, die andere konventionelle Denker beobachten. Sie können aber niemals einen kreativen Denker beobachten, da dieser außerhalb ihres Regelwerks agiert. Diese Denker sind für Sie unverständlich und fremd, mitunter sogar eine Gefahr, da sie ihre Regeln ändern könnten. Damit ist ihre eigene Zielerreichung in Frage gestellt.

Kreative Denker sind auch das Publikum in Relation zu sich selbst. Sie beobachten nicht nur die konventionellen Denker, sondern sie sehen sich selbst in der Rolle des Beobachters. Sie sind ihr eigener Regelkreis, indem sie beobachten, was sie tun und denken, und ihre eigene Entwicklung so beeinflussen, daß sie zukünftig anders denken. Sie wissen, wie sie die Regeln für sich selbst setzen müssen, damit sie sich weiter entwickeln. Weiterentwickeln in eine Richtung, die neue kreative Denkprozesse generiert.

Kreatives Denken findet nur in Freiheit statt. Schreibt man einem kreativen Denker vor, daß er denken muß, kann er nicht kreativ denken. Mit der Einschränkung der Freiheit spürt der Kreative die Grenzen. Er akzeptiert nicht die Einschränkung in Grenzen, in denen er keine wirkliche Kreativität entfalten kann. Er wird immer Möglichkeiten finden, die Grenzen zu überwinden, um in Freiheit zu denken.

Die Freiheit eines kreativen Denkers läßt sich nicht einschränken. Regeln lassen sich niemals vollständig definieren. Es gibt immer einen Weg und eine Lösung außerhalb der Regeln. Wenn es eine Regel gäbe, die Regeln einzuhalten, müßte es eine Regel geben, diese Regel einzuhalten, und so fort. Grenzen sind für einen kreativen Denker niemals vollständig definiert. Er akzeptiert und respektiert nur die Grenzen seiner eigenen Ethik.

Konventionelle Denker brauchen Regeln, um einen Erfolg zu messen. Sie brauchen Gegner, um sich zu relativieren, um festzustellen, ob sie besser oder schlechter als andere sind, um eine Rangfolge festzustellen. Für dieses Spiel brauchen sie andere konventionelle Denker, die ebenfalls bereit sind, die Regeln zu akzeptieren. Keine Fußballmannschaft kann gewinnen, wenn es keine andere Mannschaft gibt, die vorbehaltlos bereit ist, die Regeln ebenfalls zu akzeptieren. Kreative Denker wollen nicht gewinnen, sie wollen das Spiel am Laufen halten. Kreative Denker werden die Regeln für andere so definieren, daß beliebig viele Spiele danach ablaufen können; aber sie werden niemals selbst spielen. Spielen sie selbst, werden sie wahrscheinlich nicht erfolgreich sein.

Wenn konventionelle Denker sich geeinigt haben, daß ein Spiel beendet ist und dass der Sieger feststeht, gibt es keinen Grund mehr, dieses Spiel weiter zu spielen. Niemand wird sie dazu bewegen, ein abgepfiffenes Spiel nochmals aufzunehmen, nachdem bereits Sieger und Verlierer feststehen. Es wird ein neues Spiel gespielt. Oder es kommt ein kreativer Denker, der neue Regeln definiert, mit denen er die Spieler in ein anderes Spiel bringt.


Endlichkeit


Kreatives Denken ist nicht wiederholbar. Wenn es gedacht und ausgesprochen ist, ist es ein freies Gut. Ein kreativer Gedanke kann von konventionellen Denkern beliebig oft wiederholt werden. Selbst wenn ein Kreativer seine Ideen selbst wiederholt, ist es, als ob ein anderer sie erklärt. Ein Kreativer kann seine Gedanken nur zum ersten und zum letzten Mal von sich geben. Sind sie öffentlich gemacht, verliert er das Interesse an seiner Idee. Jeder Kreative braucht deshalb zwingend konventionelle Denker, wenn er das Ziel hat, eine Idee zu verwirklichen.

Eine kreative Leistung ist nicht wiederholbar und sie braucht nicht wiederholt zu werden, um ihre Genialität zu beweisen. John Lennon braucht „Imagine“ nur einmal zu komponieren. Karl Marx mußte „Das Kapital“ nur einmal schreiben. Die Konventionellen erfüllten anschließend ihren Part, der die Weltgeschichte beeinflußte. Karl Benz führte seine Erfindung des Verbrennungsmotors nur einmal in die Wirtschaft ein. Die Anderen veränderten damit die Welt.

Seitdem muß ein Automobil immer und immer wieder gebaut werden, damit die Kapitalgeber und ihre angestellten Manager sich im Vergleich mit anderen Autobauern relativieren können. Hätte man den Automobilbau nach 20 Jahren eingestellt, würde heute niemand Henry Ford kennen, aber viele nach wie vor Karl Benz.

Während der konventionelle Macher in Vergessenheit gerät, wenn seine Aufführung nicht mehr gegeben wird, bleibt der kreative Erfinder des Stückes unsterblich.

Ein Kreativer ist völlig zufrieden, auch wenn andere seine Ideen umsetzen und nach den Regeln der konventionellen Welt erfolgreich sind. Im Kielwasser eines Kreativen schwimmen die erfolgreichen Konventionellen. Diese Synergie sollte von beiden Parteien neidlos akzeptiert werden.


Wechselwirkungen


Mindestens Eines haben Kreative und Konventionelle gemeinsam: Sie existieren nur in Relation zu anderen. Keiner kann seine Position absolut aus seiner eigenen Persönlichkeit heraus bestimmen. Keiner existiert allein. Der Kreative gewinnt sein Selbstbewußtsein nur aus dem Vergleich mit Konventionellen.

Der Kreative ist offen zugänglich und bereit, seine Ideen freizugeben. Er spart seine Ideen nicht auf, denn es kommen unerschöpflich viele nach.

Die Wechselwirkung zu Anderen ist eine Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen. Jeder hat die Neigung, das Ergebnis der Wechselwirkungen subjektiv zu interpretieren. Jeder bewertet Informationen und Reaktionen seiner Umwelt vor dem Hintergrund seiner Erwartungen. Der Konventionelle akzeptiert die Beurteilungen anderer und kann deshalb verlieren.

Der Kreative steht neben den Wechselwirkungen als Zuschauer und Akteur. Er beobachtet seine Wirkung ebenso wie die Rückwirkung. Er realisiert den Regelkreis. Die gleichzeitige Aktion und Reaktion erlaubt zwar tiefere Einsichten in die Wechselbeziehung, erschwert aber die spontane Stellungnahme zum aktuellen Zustand der Erkenntnis. Insofern wirkt der Kreative unentschlossen.

Ein konventioneller Denker nimmt die Wechselwirkung mit Anderen unmittelbar wahr und ist deshalb direkt in der Lage zu reagieren. Er verteidigt seine Persönlichkeit spontan. Er sieht sich innerhalb der Regeln, die keine Rückkopplung dulden. Seine eigene Position ist ihm selbst vollständig klar. Informationen und Wechselwirkungen außerhalb des eigenen Regelsystems werden nicht wahrgenommen. Eine Verbesserung seines Weltbildes ist nur innerhalb des erlebten Regelsystems möglich. Erst in neuen Strukturen, in einem neuen Regelsystem kann er andere Horizonte erreichen.

Kreative wirken extrem tolerant. Sie sehen und tolerieren die Grenzen des wechselwirkenden Gegenübers. Aus der Position des Zuschauers und gleichzeitig Akteurs fällt eine spontane Kritik schwer, da der kreative Denker den Anderen innerhalb seiner Grenzen sieht, wohlwissend, dass es außerhalb der subjektiven Grenzen andere Lösungsräume gibt. Diese Varianten bleiben dem konventionellen Denker aber verschlossen. Will der Kreative eine Reaktion oder Kritik hervorbringen, die von Konventionellen verstanden wird, geht er auf dessen Spielfeld.

Kreative können miteinander im gleichen Spiel keine Synergien entwickeln. Sie wissen, dass der andere neue Regeln definieren kann, und sie sind beide Zuschauer ihrer Wechselwirkungen. Somit wird jede Aktion im Keim erstickt, da sie unvorhersehbare Reaktionen hervorruft. Kein Kreativer wird agieren, wenn sein Mitstreiter oder Widerpart unkalkulierbare Schritte ergreifen kann, die das gewünschte Ergebnis in Frage stellen oder zunichte machen können.

Eine Welt allein aus kreativen Denkern ist unmöglich.


Ideen


Kreativität kommt aus der Natur. Natur ist gleichbedeutend mit subjektivem oder kollektivem Unterbewusstsein. Ein kreativer Denker sammelt viele Informationen aus unterschiedlichen Quellen. Stellt er sich eine Aufgabe, die einer kreativen Lösung bedarf, so versenkt er sich in das Problem. Möglicherweise versucht er verschiedene Ansätze. Sicher fragt er sich immer, ob die Grenzen des Lösungsraumes und die impliziten oder expliziten Voraussetzungen überwindbar sind. Grenzen werden gesucht und in Frage gestellt. Auf diese Art präsentiert der Kreative die Aufgabe seinem Unterbewusstsein.

Die Präsentationsphase reizt das Unterbewusstsein an. Danach folgt die Ruhephase. Eine kreative Lösung braucht nicht gesucht zu werden. Man kann ihr Auftauchen nicht erzwingen. Die Aufforderung kreativ zu sein, behindert kreative Denker. In der Ruhephase wird abgewartet. Das Unterbewusstsein, die Natur, die Spiritualität arbeitet. Weitere Informationen und Anregungen werden parallel weiterhin aufgenommen. Früher oder später taucht die kreative Lösung auf. Manchmal braucht es dazu eines nichtigen Anlasses, Gedanken oder einer Assoziation. Mit der kreativen Lösung kommt die Aufgabe nochmals mit hoch. Meist ist die Problemstellung dann ihrer ursprünglichen Grenzen beraubt und die Regelbedingungen oder Voraussetzungen sind entfernt. In den meisten Fällen ist das Ergebnis des kreativen Denkers überraschend, manchmal auch überraschend einfach.

Kreative Denker bringen keine spontanen Lösungen hervor. Sie erwecken den Eindruck, als verfolgen sie komplizierte Gedankenstränge und kombinieren Informationen chaotisch. Dies geschieht auch tatsächlich in der Phase der Informationssammlung.

Die Phase ist überhaupt die schwierigste, vor allem für die Außenwelt. Der Kreative versetzt sich in die Aufgabe und in seine Innenwelt. Die sozialen Kontakte nehmen ab, er denkt, sagt und fragt mitunter Unverständliches, oftmals Unzusammenhängendes. Beschäftigt es sich mit einer Aufgabe aus einem Spezialgebiet, zeigt er Symptome eines Fachidioten oder Sonderlings.


Umsetzung


Kreative können nur ergebnisgerichtet arbeiten, und messen ihre Erfolge ebenfalls an der Erreichung dieses Ergebnisses. Sie bevorzugen abstrakte Zieldefinitionen, die ihnen die Freiräume geben, Regeln zu bestimmen, mit denen die Ziele erreicht werden können. Zur Zielerreichung braucht der Kreative konventionell Denkende, die nach seinen Regeln lange genug arbeiten und daran festhalten, bis das geplante Ergebnis erreicht ist. In dieser Phase der Umsetzung soll der Kreative sich zurücknehmen. Greift er mit neuen Ideen und neuen Regeln in den angestoßenen Prozess ein, riskiert er Verwirrung und ein Scheitern des Projektes.

In diesem Sinne kann ein Kreativer nur erfolgreich sein, wenn er seine eigene Rolle als Zuschauer verstanden hat. Er muss daneben stehen und sehen, wie er zurück tritt. Sein Mithelfen an der Zielerreichung kann nur innerhalb der selbst gesetzten Regeln erfolgen. Entweder er agiert im Regelsystem wie ein Konventioneller, oder er tritt ab und widmet sich neuen, kreativen Gedanken und Prozessen.

Konventionelle Denker arbeiten mit hoher Konstanz und Verläßlichkeit innerhalb der gegebenen und akzeptierten Regeln. Vor allem dann, wenn sie sich ihrer Position bewußt sind und nur diese Erwartungen in sie gesetzt werden. Sie können einen kreativen Ansatz in eine stabile und erfolgreiche Entwicklung führen.

Die Umsetzung in die reale Welt folgt der kreativen Phase. Stoppt der Kreative vor diesem Stadium, bleibt er ein verkanntes Genie. In der Umsetzungsphase kann er wiederum Kreativität entfalten, denn die Aufgabe hat alle Elemente einer kreativen Herausforderung. Es gilt Grenzen zu überwinden, überraschende Lösungen zu finden und andere davon zu überzeugen.

Kreative Denker können das, wenn sie sich in diese neue Aufgabe versenken, aber nur wenige nehmen die Herausforderung an. Findet der Kreative einen anderen Kreativen oder einen konventionellen Denker, der seine Form der Intelligenz für die Umsetzung einsetzt, so wird aus dieser Synergie ein Erfolg geboren. Die eigene Umsetzung durch den Kreativen erscheint schlüssiger, ist aber nicht zwingend.

Der Kreative sucht sich seine Aufgaben selbst, er wird deshalb die Umsetzung nicht vorantreiben, wenn sie nicht zu seinen favorisierten Zielen gehört. Keiner kann ihn dazu zwingen, eine kreative Aufgabe in der Umsetzung zu sehen. In vielen Fällen gibt er dieses Stadium ab und versenkt sich in eine neue Herausforderung.

Königsdorf
20. Jun. 1998

Ich danke jedem Leser, der bis hierhin gekommen ist, dass er die Zeit und Muße genommen hat, meine Gedanken zu teilen. Heute habe ich diesen Zeilen ihre Bestimmung gegeben, die vor zehn Jahren verfasst wurden.

Im Text habe ich Gaben und Fähigkeiten der Menschen beschrieben und in ihrer Relation zueinander verdeutlicht. Das Spiel innerhalb von Grenzen und mit den Grenzen dient als Metapher für die Herausforderungen, die jede große oder kleine Gemeinschaft zu bewältigen hat. Die Zukunft ist für den konventionellen Spieler gegeben, für den kreativen Spieler ist sie gestaltbar.

Die Natur als Inbegriff der Kreativität und gleichzeitig als Bewahrer legt ihre Gaben in den Menschen. Es mag in Gemeinschaften kulturelle Regeln, Tabus, oder Konventionen geben, die kreatives, freies Denken fördern. Es mag auch Gesellschaften geben, die Strukturerhaltung und Tradition an die erste Stelle ihrer Werteskala stellen. Erst die Synergie ermöglicht ein Überleben.

Die natürlichen Gaben sind mit den Menschen auf der Welt. Wenn eine Kultur das respektiert oder erkennt trägt sie zur Zufriedenheit bei. Eine ignorante Kultur beseitigt nicht die Gaben, aber die Zufriedenheit der Menschen.

Die Zukunft wird vom Menschen gestaltet und bewahrt. Dieses Spiel kann bei positivem Ausgang nicht gewonnen werden, in allen anderen Fällen wird es verloren.

Ich habe diesen Text im Jahre 1998 geschrieben ohne zu wissen warum ich das tue. In den vergangenen zehn Jahren habe ich viele Lektionen gelernt und eine davon möchte ich mit dem Leser teilen. Der Sinn erschließt sich nach den Taten, wenn wir im Vertrauen auf unsere spirituelle Verbindung zur Natur handeln.

Wenn das Vertrauen wächst, fließt das Leben.

Wounded Knee
20. Jun. 2008

Anmerkungen:

(1) Webster’s Encyclopedic Unabridged Dictionary of the English Language. (1989). New York: Portland House. P. 353

(2) Gesellschaften bilden Ökonomien aus, aber keine Ökonomie ist ohne Gesellschaft denkbar. (Der Diskurs wird nicht auf das Feld der Ökonomie erweitert.)
(3) Ein Bündel von Regeln, Varianten und Aktionen wird mit dem allgemeinen Begriff „Spiel“ belegt. Eine Wertung oder gar Herabsetzung ist damit nicht verbunden.
(4) Für die folgenden Ausführungen war und ist das Buch „Finite And Infinit Games“ von Ronald P. Carse, New York, !986, eine sprudelnde Quelle der Inspiration. Das Werk selbst ist ein Beispiel für kreative Arbeit und jedem Leser zu empfehlen, der sich weiterführende Gedanken macht.